Schulbildung in den USA Klimaskeptiker nehmen Einfluss auf Lehrpläne

Konservative Eltern in den USA fordern nicht nur die Schöpfungsgeschichte als Alternative zur Evolutionstheorie für den Biologieunterricht. Jetzt greifen sie auch noch in die Schullehrpläne ein, um zu verhindern, dass Lehrer den Klimawandel erklären.

Von Sara Reardon

Als die Lehrer der Los Alamitos High School in Südkalifornien in diesem Frühling beschlossen, einen Fortgeschrittenenkurs in Umweltwissenschaften einzurichten, waren die Mitglieder des Schulausschusses begeistert. Die Schüler sollten bei Abschluss der Advanced Placement Class schließlich einen Schein am weiterführenden College bekommen.

Doch dann beugte sich das Gremium über den Lehrplan und entdeckte dort das Thema Klimawandel. Die Ausschussmitglieder, von der Bevölkerung des mehrheitlich konservativen Kreises Orange County aus ihrer Mitte gewählt, haben die Aufsicht über die Schule. Sie nutzten diese Macht, um den Lehrstoff Klimawandel zur "umstrittenen Angelegenheit" zu erklären; die Lehrer sollten darlegen, wie sie das Thema "ausgewogen" unterrichten wollten. Der Arzt Jeffrey Barke, Mitglied des Gremiums, warf den Pädagogen vor, sie planten den Klimawandel als "Dogma" zu behandeln.

Die Lehrer sperrten sich gegen die Anweisung. "Es ist sehr schwierig (ausgewogen zu sein, d. Red.), wenn wir versuchen, die wissenschaftlichen Fakten zu präsentieren", sagt Kathryn Currie, die an der Schule das Science-Department leitet. Doch die Forderung des Aufsichtsgremiums war kein isolierter Vorfall, sagen Vertreter von Lehrerverbänden. Eltern sähen die Klimaforschung wie zuvor die Evolutionslehre als Lehrstoff, bei dem "liberale" Lehrer - im Sprachgebrauch der Amerikaner steht das Adjektiv für linkslastig - den Kindern ihren "Glauben" aufzwingen.

Die Evolutionslehre ist immer noch das große Konfliktthema, aber der Klimawandel holt auf", sagt Roberta Johnson, Leiterin des Verbands der Geowissenschaftslehrer, Nesta. Im Konflikt mit Eltern und Schulaufsicht sind Lehrer für Erdkunde und verwandte Fächer in gewisser Weise sogar schlechter dran als die Kollegen der Biologie.

Wo immer diese gedrängt wurden, wegen der "Ausgewogenheit" neben der Evolutionslehre auch die biblische Schöpfungsgeschichte als Erklärung für die Artenvielfalt zu nennen, konnten sie sich auf die US-Verfassung berufen. Sie sieht eine strikte Trennung von Religion und Staat vor; viele Initiativen von Kreationisten sind darum vor Gericht gescheitert. Beim Klimawandel gibt es keine entsprechenden Artikel, die Klagen von Eltern von vornherein aussichtslos machen.

Inhaltlich setzen die Erdkundelehrer auf die gleichen Argumente wie die Biologiekollegen. Wissenschaftsunterricht solle die besten verfügbaren wissenschaftlichen Fakten und Theorien behandeln. Entgegengesetzte Ansichten zu referieren, wäre schlechte Wissenschaft.

Für die angebliche Kontroverse haben sie zu wenig Unterrichtsstunden, sagen viele, und Politik habe in ihren Klassenzimmern nichts zu suchen. Die Ansicht der protestierenden Eltern teilen offenbar nur wenige Lehrer. Eine Minderheit antwortete in einer Nesta-Umfrage, Klimawandel sei "nur eine Theorie wie die Evolution". Konträre Ansichten sollten im Unterricht gleiches Gewicht bekommen.

In dieser Atmosphäre können sich manche Pädagogen dem Konflikt nicht entziehen. "Es scheint bereits den Hass eines Lynchmobs gegen jeden Lehrer zu geben, der den Klimawandel durchnimmt", sagt Andrew Milbauer von der Converse School, einem privaten Internat in Land O' Lakes, Wisconsin. Er wurde im vergangenen Jahr mit einigen Kollegen von einem Tea-Party-Aktivisten zu einer Podiumsdiskussion eingeladen und sollte sich dort gegen zwei bekannte Leugner des Klimawandels mit Professorentiteln behaupten.

Als Milbauer und seine Kollegen die Teilnahme ablehnten, beschwerte sich der Organisator Kim Simac in der lokalen Presse über das "verdächtige Verhalten" des Lehrers. Milbauer beteiligte sich aber an der Diskussion auf Simacs Blog, bis dieser ihm dort vorwarf, "unserer Jugend diese monströse Falschmeldung als so wahr wie die Bibel zu präsentieren". Der angegriffene Lehrer spricht inzwischen mit seinen Schülern über die Episode: "Ich erkläre ihnen, dass dies die Falle ist, die die andere Seite aufstellt."

Eine beliebte Taktik der Eltern ist es auch, Themen des Wissenschaftsunterrichts für umstritten zu erklären. Im Bundesstaat Louisiana nennt sogar ein Gesetz Evolutionslehre und Klimawandel "kontrovers". Lehrer und Schüler können daher im Klassenraum andere Meinungen vertreten, ohne Folgen befürchten zu müssen. Das könne verzerren, fürchten Experten, was junge Menschen über die Methodik der Wissenschaft an sich lernen. "Wissenschaft hat nichts damit zu tun, jeden erdenklichen Standpunkt auszubalancieren", sagt Joshua Rosenau vom National Center for Science Education, einem gemeinnützigen Verein mit Sitz in Oakland, Kalifornien.

Organisationen wie seine oder der Lehrerverband Nesta, aber auch die für Klimaforschung zuständige Bundesbehörde für Ozeane und Atmosphäre (Noaa) unterstützen Lehrer inzwischen systematisch. Sie bieten Material mit vielen Daten an, haben aber auch die Erfahrungen aus Diskussionen mit Kreationisten für die Debatten über den Klimawandel ausgewertet.

Daher bekommen die Pädagogen Hinweise, wie sie sich in Gesprächen mit Eltern und Schulaufsehern verhalten können, die "ideologische Scheuklappen" tragen, wie es Rosenau nennt. Karen Lionberger, die die Advanced Placement-Kurse entwickelt, bestätigt: Oft könnten weder die Eltern noch die Schüler, die sich gegen den wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel wenden, "genau erklären, was ihre gegensätzliche Ansicht überhaupt ist".

Aber auch die andere Seite hat Helfer. Zum Beispiel hat das sogenannte Heartland Institute, das vom Ölkonzern Exxon Mobile großzügig gefördert wurde, das "Skeptiker-Handbuch" herausgegeben; alle 14 000 Vorsitzenden der örtlichen Schulausschüsse haben eine Kopie bekommen. Wer mit Unterricht zu tun habe, müsse "verstehen, dass es über den Klimawandel noch viel zu erforschen gibt", sagt James Taylor, ein Senior Fellow der Organisation. "Wo die Wissenschaft unsicher ist, muss man natürlich alle Ansichten präsentieren." Dass die Wissenschaft in den im Unterricht behandelten Grundfragen der Klimaforschung unsicher sei, bestreitet allerdings ein großer Konsensus des Fachs.

An der Los Alamitos High School fürchten die Lehrer ganz konkrete Probleme, wenn sie den Klimawandel "ausgewogen" behandeln. "Was soll ein Schüler im Abschlussexamen ankreuzen: Die Tatsache oder irgendjemandes Glauben, dass es keine Tatsache ist?", fragt die Lehrerin Kathryn Currie. In diesem Sommer will sie mit ihren Kollegen die Unterrichtseinheiten durchplanen, ist aber unsicher, wie sich die Schulaufsicht zufriedenstellen lässt. "Ich werde dafür kämpfen die wissenschaftlichen Fakten in der Klasse präsentieren zu können. Ich will die Politik draußen halten."

Ob ihr das gelingt, muss sich zeigen. In keiner der Fragen, die die Schüler beim Abschlusstest beantworten sollen, müssen sie ankreuzen, ob der Klimawandel stattfindet oder nicht. Aber sie sollen Fakten über Ursachen und Folgen der Veränderungen lernen, die auf dem College anerkannt sind. Darum folge der Kurs, so Lionberger, "dem wissenschaftlichen Konsens".

Dieser Artikel erscheint heute in der aktuellen Ausgabe des internationalen Wissenschaftsmagazins Science, herausgegeben von der AAAS. Weitere Informationen: www.sciencemag.org, www.aaas. org. Deutsche Bearbeitung: cris