Schüler unter Stress Die Angst vor dem Versagen

Schon Grundschüler stehen unter dem Druck der Leistungsgesellschaft. Was Schulpsychologen dazu sagen.

Von Markus C. Schulte v. Drach

Für viele Grundschüler fällt demnächst die Entscheidung, auf welche weiterführende Schule sie gehen werden.

In einigen Bundesländern werden die Weichen in Richtung Gymnasium, Realschule oder Hauptschule in erster Linie von den Eltern gestellt. Mancherorts müssen sich dagegen die Schüler mit einem besonders guten Notendurchschnitt oder in einem Probeunterricht sowie einer Aufnahmeprüfung für einen bestimmten Schultyp qualifizieren. Das stresst.

"Ein solcher Probeunterricht könnte auch positiv, als Möglichkeit und Chance gesehen werden", meint Gerlinde Kopf vom Landesverband Bayerischer Schulpsychologen. "Allerdings darf Lernen nicht als bedrohlich erlebt werden."

Leistungsdruck schon in der Grundschule

Das jedoch ist für viele Kinder nicht gewährleistet. In der heutigen Leistungsgesellschaft, so die Lehrerin, wirken sich die Aussichten auf Jobs und Karriere bereits auf die Grundschüler aus. Dabei kommt zur Erwartungshaltung der Eltern auch die der Kinder untereinander.

Möglicherweise spielt dabei auch die zunehmende Zahl von Einzelkindern ein Rolle. Schließlich ist es in diesen Fällen das einzige Kind, für das die Eltern sich die besten Chancen wünschen.

"Wenn von den Noten abhängt, ob der Familiensegen gerade oder schief hängt, wird es gefährlich", warnt Kopf. Schon in der Grundschule sind die Kleinen von Minderwertigkeitsgefühlen bedroht. "Bereits Grundschüler fragen sich 'Was bin ich wert?' "

Versagen aus Angst vor Misserfolgen

Schließlich kann der Druck sogar so groß werden, dass selbst jene Kinder, die zu guten Leistungen fähig wären, versagen, aus lauter Angst vor Misserfolgen.

Die Lehrer stellen beim überforderten Nachwuchs häufig Passivität fest. "Die Kinder beteiligen sich nicht am Unterricht, um ihre Unwissenheit vor anderen zu verbergen, und drücken sich vor Hausaufgaben, um vor sich selbst nicht zuzugeben, dass sie den Stoff nicht verstanden haben", erklärt Katharina Melbeck-Thiemann vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Statt die Lücken aufzuarbeiten, lassen sie sie immer größer werden.

Fluchtrolle Klassenkaspar

Auf der anderen Seite spielt mancher den Klassenkasper, um vom schulischen Versagen abzulenken und sich auf eine andere Weise hervorzutun und interessant zu machen. Und dann gibt es jene, die versuchen, durch Aggressionen die Anerkennung zu gewinnen, die ihnen aufgrund fehlender schulischer Leistungen versagt bleibt.

Sogar erste Anzeichen von psychischen Krankheiten wie Magersucht treten im Grundschulalter bereits auf, weiß Gerlinde Kopf. Häufiger allerdings fallen Kinder dadurch auf, dass sie zu viel essen.

Nicht der Schulstress allein

Beide Schulpsychologinnen betonen jedoch, dass der Schul-Stress allein nicht ausreicht, um die Kinder aus der Bahn zu werfen. Da spielen immer noch andere Faktoren eine Rolle - zum Beispiel Probleme in der Familie.

"Kinder brauchen eine Mischung aus Freizeit und Lernzeit, sie brauchen Sozialkontakte, und sie brauchen ein gesundes Selbstwertgefühl", erklärt Kopf. Und die Eltern müssen sich vernünftig um die Kleinen kümmern.

"Manche Kinder werden nicht nur in der Schule überfordert, sondern werden nachmittags auch noch über-fördert", so Melbeck-Thiemann. So kann etwa zu viel Nachhilfe und Unterstützung verhindern, dass die Kinder selbstständiges Arbeiten lernen.

Eltern sollten auch weniger gute Noten akzeptieren

Positiv ist Kopf zufolge ein Elternhaus, das einem Kind zutraut, seinen Weg zu machen, und den Nachwuchs auch akzeptiert, wenn er nicht die besten Noten mit nach Hause bringt oder das Gymnasium nicht - oder zumindest noch nicht -besuchen kann. Schließlich wird die Entscheidung für die weiterführenden Schulen nach der vierten oder sechsten Klasse relativ früh gefällt.

Für manche Kinder empfiehlt sich deshalb, erst eine andere Schule als das Gymnasium zu besuchen - eine, auf der sie den Ansprüchen genügen und Anschluss und Erfolg haben. Ein Übertritt zum Gymnasium - so es denn sein soll - ist schließlich auch später noch möglich.