Stadt, Land, Fleiß II: Interview des SZ-Magazins mit der Ramsauer Grundschul-Lehrerin Ulrike Keil.

SZ-Magazin: Frau Reiter, Ramsau ist ein kleiner Ort, fünfzig Kilometer von München entfernt, in dem viele Bauern leben. An der Grundschule, an der Sie unterrichten, werden Sie für 24 Kinder wohl nur zwei Übertrittszeugnisse für das Gymnasium schreiben. Haben nur zwei den für das Gymnasium erforderlichen Durchschnitt erreicht?

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Ulrike Reiter: Nein, von den Noten her könnten sicher einige mehr meiner Schüler aufs Gymnasium gehen.

SZ-Magazin: Dann entscheiden sich Schüler mit guten Noten für die Realschule?

Reiter: Sicher, ja. Sie wollen mit ihren Freunden zusammenbleiben, das ist wichtig für sie. Und sie wollen schnell etwas mit sich anfangen. Sie wollen bald in den Beruf. SZ-Magazin: Wer sagt das?

Reiter: Die Schüler sagen das selbst.

SZ-Magazin: Soll das heißen, sie wissen schon, was sie werden wollen?

Reiter: Nein, aber sie haben eine deutlichere Vorstellung von Arbeit und Beruf als Stadtkinder. Hier bekommen die Kinder viel früher einen Einblick in die Sinnhaftigkeit und Bedeutung von Arbeit. Sie helfen ja zum großen Teil auch mit, am Nachmittag. Füttern im Kuhstall, fahren den Traktor, wenden Heu. Und sie sind stolz darauf, man hört oft Sätze wie: "Der Opa kann's nicht mehr so gut, ich kann's jetzt besser."

SZ-Magazin: Können Sie wirklich sagen, dass Sie noch nie Eltern hier draußen erlebt haben, die Druck auf ihre Kinder ausgeübt haben?

Reiter: Druck? Nein, den habe ich nur in sehr seltenen Fällen erlebt. Es gibt auch kein Feilschen um Noten. Die Schule wird im Allgemeinen als Institution respektiert, Eltern mischen sich wenig ein. Familien haben hier oft mehrere Kinder, manchmal mehr als fünf. Da haben die Kinder nicht diese zentrale Stellung wie in der Ein- oder Zweikindfamilie.

SZ-Magazin: Gibt es Grundschulkinder bei Ihnen, die Nachhilfe bekommen?

Reiter: Nein, das ist bei uns eine absolute Seltenheit und tritt nur ein, wenn das Erreichen des Klassenziels gefährdet ist, nicht für den Übertritt.

SZ-Magazin: Hängt die Gelassenheit der Eltern damit zusammen, dass sie meistens selbst keine Akademiker sind?

Reiter: Vielleicht. Sie haben wahrscheinlich auch manchmal Angst, dass sie ihren Kindern nicht helfen oder mit ihnen nicht mithalten können. Und die Länge der Ausbildung schreckt sie. Denn wenn man schon das Abitur macht, dann muss man auch studieren, das haben sie so verinnerlicht. Und das dauert dann.

Da gibt es beispielsweise Mädchen, die sagen, dass sie Lehrerin werden möchten, und wenn man ihnen sagt, dass sie dafür studieren müssen, antworten sie: Dann lieber doch nicht.

SZ-Magazin: Machen die Eltern Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen?

Reiter: Mädchen sollen auch eine Ausbildung haben, auf jeden Fall. Keiner sagt mehr über sie, dass sie ja doch heiraten.

SZ-Magazin: Haben Sie denn schon mal Eltern angebettelt, dass ein Schüler oder eine Schülerin aufs Gymnasium kommt? Reiter: Ich habe natürlich schon intensive Gespräche mit Eltern geführt über das Talent eines Kindes, aber ich höre sofort damit auf, wenn ich merke, dass sie nicht hinter dem Gymnasium stehen würden. Die Kinder gehen erst mal auf die Realschule und wechseln vielleicht später, auch wenn es schwerer ist. Und wenn ein Kind so begabt ist, dass ich betteln muss, dann schafft es den Übergang auch später.

SZ-Magazin: Warum ist der Übergang von der Realschule aufs Gymnasium so schwer?

Reiter: Weil nach unterschiedlichen Lehrplänen unterrichtet wird: Die Realschule ist praxisorientierter als das Gymnasium. SZ-Magazin: Dabei ist es nur eine Nuance, die zwischen der Qualifikation für das Gymnasium und für die der Realschule liegt: Eine Zwei in Mathe und Deutsch und eine Drei in Heimat- und Sachkunde heißt noch Gymnasium, eine Drei in Mathe oder Deutsch heißt schon Realschule. Ist das nicht absurd?

Reiter: Wer allerdings in Deutsch keine Zwei hat in der Grundschule, wird auf dem Gymnasium Schwierigkeiten bekommen. Sprachlich stellt das Gymnasium sehr hohe Anfordungen. Und die Kinder hier bei uns stellen sich in der Tat schlauer an in der Mathematik als in der Sprache. Mädchen und Jungen.

SZ-Magazin: Hat das auch wieder mit ihrer Herkunft zu tun?

Reiter: Wahrscheinlich ja. Zu Hause wird über Anschaffungen, Preise, Löhne, Futtermittel, Flächennutzung gesprochen. Neulich hat ein Mädchen einen Vortrag über Mähdrescher gehalten. Weil der Vater einen neuen gekauft hat. Sie hat sich da richtig Mühe gegeben. Das war sehr beeindruckend.

SZ-Magazin: Kommt es auch vor, dass Kinder mit guten Noten auf die Hauptschule gehen?

Reiter: Kommt vor. Die Hauptschule hier hat lange nicht so einen schlechten Ruf wie in der Stadt. Außerdem muss man auch sagen, dass der M-Zweig die Situation erheblich entschärft hat.

SZ-Magazin: Was ist das: der M-Zweig?

Reiter: Wenn man gute Noten hat, kann man nach der sechsten Klasse an der Hauptschule in die so genannte M 7 gehen. Das sind gesonderte Klassen mit zusätzlichen Angeboten, besonders in Englisch und Deutsch, und da kann man die mittlere Reife machen.

SZ-Magazin: Wäre es dann nicht insgesamt besser, erst nach der sechsten Klasse so wichtige Entscheidungen über die Zukunft eines Kindes zu fällen?

Reiter: Es ist sicher richtig, dass für viele Kinder die Entscheidung in der vierten Klasse zu früh ist, weil sich das selbstständige Lernen noch nicht durchgesetzt hat bei ihnen, das aber noch kommen kann. Die Kinder aber, die die Grundschule mühelos und ohne Hilfe der Eltern gut schaffen, haben auf dem Gymnasium keine Probleme.

Das Interview führte Gabriela Herpel für das SZ-Magazin (12.04.2002)

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