Schiffswrack vor dem Oman Der Untergang der Esmeralda

  • Vor der Küste des Oman haben Unterwasser-Archäologen Überreste eines portugiesischen Kriegsschiffs aus dem frühen 16. Jahrhundert gefunden.
  • Die Forscher vermuten, dass es sich um die Esmeralda handelt. Das Schiff gehörte somit zu einer der ersten Indien-Expeditionen des Entdeckers Vasco da Gama.
  • Unter den 2800 gefundenen Objekten sind wertvolle Münzen, Waffen sowie eine Schiffsglocke.
Von Christoph Behrens

Kaum eine gefährlichere Route kannten europäische Seemänner vor 500 Jahren als die Carreira da India, den Seeweg nach Indien. Die Westküste Afrikas hinab, am Kap der Guten Hoffnung vorbei, von dort nach Mombasa in Ostafrika und dann quer über den Indischen Ozean. Unterwegs drohten Monsun, Skorbut, Attacken arabischer Kriegsschiffe. Der portugiesische Entdecker Vasco da Gama eröffnete diesen Seeweg im Jahr 1498, und sicherte Portugals Krone auf Jahrhunderte den Reichtum Asiens.

Doch oft endete die Reise am Meeresgrund. Überreste eines der Schiffe aus da Gamas Flotte haben Archäologen nun vor der Küste Omans entdeckt. Die Forscher halten es für sicher, dass die mehr als 2800 Artefakte, die sie vom Meeresgrund nahe der Insel Al Hallaniyah geborgen haben, von der Esmeralda stammen, die mit der vierten Indien-Expedition da Gamas segelte und laut Reiseberichten im Jahr 1503 bei einem Sturm unterging.

Die gesamte Besatzung des Schiffs von der karavellenähnlichen Bauart "nao" soll dabei ums Leben gekommen sein. Es wäre somit eines der frühesten Schiffswracks aus der europäischen Entdeckerzeit - der nächste Fund der Indienroute datiert ein halbes Jahrhundert später. Noch dazu befehligten da Gamas Onkel Vicente und Brás Sodré diesen Teil der Flotte, somit starben bei dem Unglück womöglich nahe Verwandte des portugiesischen Volkshelden.

Von einer der Münzen gibt es weltweit nur noch ein Exemplar

Viele Kostbarkeiten enthält der Schatz, den ein Team um Dave Parham von der britischen Universität Bournemouth und David Mearns von der Bergungsfirma Blue Water Recoveries in mehreren Expeditionen zutage gefördert hat. Die Forscher fanden etwa eine dünne Kupferscheibe, geschmückt mit dem Staatswappen Portugals und der Abbildung einer Armillarsphäre, eines astronomischen Geräts, die der portugiesische König Manuel als persönliches Emblem wählte. Auch der Farbstoff der rund 1000 gefundenen Tonscherben und Keramikstücken stammt laut chemischen Analysen zu einem großen Teil aus der Region um Lissabon.

Gold und Silber vom Meeresgrund

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Unstrittig ist auch die Herkunft von zwölf cruzados, portugiesischen Goldmünzen, und zwei silbernen Geldstücken. Unter letzteren ist ein índio und damit eine besondere Rarität: Von diesen Münzen ist nur eine einzige weitere weltweit bekannt; König Manuel ließ die Silberstücke mit dem Kreuz ab 1499 speziell für den Handel mit Indien prägen. Auf ihnen stand: "IN HOC SIGNO VINCES" - "Unter diesem Zeichen wirst du erobern". Eine ernst gemeinte Drohung, die Forscher fanden Hunderte Kugeln aus Stein und Blei, Reste von Handfeuerwaffen sowie Behälter, die einst Schießpulver enthielten.

Aus gutem Grund war das Schiff bis an die Mastspitze bewaffnet: Am Anfang des 16. Jahrhunderts führten die Portugiesen einen blutigen Kampf um die Vormachtstellung im Indischen Ozean. Zwar hatte da Gama eine Verbindung nach Asien hergestellt, doch musste sich diese Investition für die Krone erst noch auszahlen. Die ägyptischen Mameluken und indische Könige wie der Zamorin von Calicut hatten etwas dagegen, dass die Portugiesen die von ihnen kontrollierte, alte Gewürzroute umgehen wollten. Nachdem da Gama 1503 nach Portugal zurückgekehrt war, wurden seine Onkel Vicente und Brás Sodré deshalb verdonnert, vor der Südwestküste Indiens zu patrouillieren.

Staatspiraterie im Indischen Ozean

Den Auftrag legten die Brüder großzügig aus. Anstatt auf ihrem Posten zu bleiben, segelten sie mit ihrem Geschwader zum Golf von Aden an der arabischen Halbinsel und überfielen eine Reihe von Handelsschiffen. Den wertvollen Pfeffer, Zucker, Reis und die Stoffe, die sie raubten, teilten sie unter sich auf. Nach jedem Überfall steckten die Plünderer das gegnerische Schiff in Brand. Es handelte sich somit um eine Form von Staatspiraterie, die den Portugiesen schließlich zum Verhängnis wurde. Als sie nach einem Raubzug 1503 in einer Bucht vor der Insel Al Hallaniyah ankerten, um eine angeschlagene Karavelle zu reparieren, warnten die einheimischen Araber vor aufziehendem Wind aus dem Norden.

Doch die Sodrés ignorierten die Warnungen. Als der Sturm kam, traf er die Portugiesen in der Enge der Bucht unvorbereitet und riss zwei der fünf Schiffe, die Esmeralda und die São Pedro, in die Tiefe. Die Überlebenden der anderen Schiffe schafften es bis nach Indien, einer von ihnen berichtete in einem Brief nach Portugal detailliert von dem Unglück. Anhand dieses Schriftstücks konnten die Archäologen nun 500 Jahre später den Ort des Geschehens ausfindig machen.

Bislang seien die Ergebnisse nur ein "Zwischenstand", wie die Forscher im International Journal of Nautical Archaeology schreiben. Die gefundenen Objekte seien bislang nur beschrieben und in den historischen Kontext eingeordnet.