Schädlingsbekämpfung Baumwolle und Brommethan

Um Ware vor dem Verderben zu schützen und Schädlinge abzutöten, werden die weltweit 35 Millionen Frachtcontainer regelmäßig mit giftigen Gasen gefüllt. Doch die verwendeten Stoffe können Menschen gefährden und die Atmosphäre schädigen.

Von Günter Beyer

Erdnüsse gelten eigentlich als harmlose Fracht. Dennoch hat ein Container mit den Hülsenfrüchten aus Argentinien einen Mann im Hamburger Hafen mehrere Jahre lang arbeitsunfähig gemacht. Der Mitarbeiter einer Speditionsfirma sollte den soeben eingetroffenen Behälter überprüfen. Den Frachtpapieren zufolge waren die Erdnüsse im Herkunftsland mit Phosphorwasserstoff begast worden - eine Standardprozedur, um Lebensmittel vor dem Verderben zu bewahren.

Doch als der Mann eine Messlanze durch eine Gummidichtung in den geschlossenen Container schob, machte er eine unangenehme Entdeckung: Der zulässige Grenzwert für den Gasgehalt war um das 35-fache überschritten. Der Prüfer ließ den Container verschlossen und arbeitete in der Nähe weiter. Vermutlich jedoch war die Dichtung durch das Spreizen undicht geworden, und das Gas trat aus. Der Speditionsarbeiter bekam starke Kopfschmerzen, ihm wurde schwindelig, er musste sich erbrechen. Die Symptome hielten an, nachdem er den Arbeitsplatz längst verlassen hatte, und führten zu einer mehrjährigen Arbeitsunfähigkeit.

Fälle wie diesen dokumentiert die Ambulanz des Hamburger Zentralinstituts für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin. Dort melden sich Arbeiter, die im Hafen, bei Packbetrieben oder beim Empfänger Container aus Übersee entladen haben. "Die Beschwerden sind eher unspezifisch, so dass viele Patienten und deren Hausärzte gar nicht auf die Zusammenhänge kommen", sagt die Ärztin Alexandra Preisser. "Es treten immer wieder Kopfschmerzen auf, Benommenheit, Übelkeit, Schwindel." Wer wiederholt Gasen aus Frachtcontainern ausgesetzt ist, klagt auch über Konzentrationsstörungen, Muskelkrämpfe oder Asthma.

35 Millionen Seecontainer sind weltweit unterwegs. Wie im Herkunftsland mit der Ladung verfahren wurde, sollte eigentlich in den Frachtpapieren eindeutig vermerkt sein. Aber wer im Empfängerland die Blechkisten öffnet, erlebt bisweilen üble Überraschungen. Nach Erfahrungen bei der Zollabfertigung in Hamburg ist etwa jeder fünfte Importcontainer mit erheblichen Schadstoffkonzentrationen in der Atemluft belastet. So berichtet es das Hamburger Amt für Arbeitsschutz. "Der Container ist wie eine Black Box, wir öffnen die Türen und wissen oft nicht, was in der Raumluft enthalten ist", sagt der Chemiker Boris Klein von der Gewerbeaufsicht des Landes Bremen. "Container können alle möglichen gefährlichen Gase enthalten." Die chemischen Verbindungen kann man meistens weder sehen noch riechen.

"Exporteure begasen auch Waren, die gar nicht befallen werden können wie zum Beispiel Elektroartikel", sagt Boris Klein. "Nicht etwa, weil der Holzwurm in die Elektroartikel geht. Aber er geht in die Paletten, auf denen sie stehen." Natürlich soll die Begasung nicht das sogenannte Stauholz schützen, das nur als Verpackung dient oder das Entladen erleichtert. Vielmehr sollen die "phytosanitären Maßnahmen" das Einschleppen von Waldschädlingen wie dem asiatischen Laubholzbockkäfer verhindern. Rohhölzer, die dicker sind als sechs Millimeter, bieten ihnen nämlich ein ideales Milieu.

Das Problem sind die nicht oder falsch deklarierten Container"

Als eines der gefährlichsten Mittel gilt Brommethan (Methylbromid). Das farblose, relativ billige und leicht zu handhabende Gas schädigt nicht nur biologische Organismen, sondern auch die Ozonschicht, weshalb die Europäischen Union die Anwendung seit 2010 verboten hat. Allerdings darf Brommethan in Übersee noch bis zum Ende der Übergangsfrist im Jahr 2014 eingesetzt werden. Fachleute nehmen an, dass auch danach noch Brommethan -Rückstände in Importcontainern zu finden sein werden. " Brommethan ist nicht nur ein Gift für die Schädlinge, sondern auch für den Menschen", sagt Alexandra Preisser vom Hamburger Zentralinstitut. In hohen Konzentrationen kann Brommmethan sogar zu Koma und Tod führen.

Begaste Container sind darum Gefahrgut und müssen eigentlich entsprechend gekennzeichnet werden. An der Tür müssen Ort und Datum der Begasung sowie das verwendete Gas vermerkt sein. "Das Problem sind die nicht oder falsch deklarierten Container", sagt Thorsten Gerdes, Sekretär der Gewerkschaft Verdi für die Häfen in Bremen. Die Messgeräte der Hafencrew arbeiten gasspezifisch. So war eine Sendung angeblich mit Brommethan behandelt worden, und die Messung zeigte kein Restgas mehr an. Als der Container entladen wurde, klagten Beschäftigte trotzdem über Atem- und andere Gesundheitsprobleme, einer rang sogar auf der Intensivstation um sein Leben. "Die Kennzeichnung war schlicht falsch", sagt Boris Klein. Statt Brommethan war der Behälter mit Sulfuryldifluorid gefüllt.

Dabei ist die Chemiekeule gegen die Schädlinge in Paletten, Stauholz und Holzlieferungen eigentlich unnötig. Längst gibt es Alternativen, die aber wegen der höheren Kosten selten zum Einsatz kommen. Mit Hitze beispielsweise lassen sich Forstschädlinge umweltgerecht und für den Menschen unschädlich bekämpfen. Dazu müssten die Paletten vor dem Beladen nur einmal erhitzt werden. "Die Kerntemperatur im Holz muss mindestens 30 Minuten lang mehr als 56 Grad Celsius betragen, dann ist alles Leben darin abgetötet", sagt Boris Klein, der schon lange für die Hitzebehandlung eintritt. An Stelle von giftigem Gas könnte so für manche Fracht einfach Heißluft verwendet werden.

Doch auch in Deutschland werden noch immer Container für den Export begast. Im Container-Terminal Bremen-Neustadt umschließt ein mannshoher Maschendrahtzaun eine tennisplatzgroße, gepflasterte Fläche. Hier wurde in einigem Abstand zu den nächsten Büros und Schuppen ein verschließbarer "Begasungsplatz" eingerichtet. Darauf stehen ein blauer und ein grüner 40-Fuß-Container. Mit Klebeband verschließt Egon Trimborn die Lüftungsschlitze an der Oberseite. Trimborn arbeitet für eine Schädlingsbekämpfungsfirma. Noch stehen die stählernen Doppeltüren offen, im Halbdunkel sind mit Folie verschweißte Paletten mit Baumwollgarn zu erkennen. "Die Ware ist von Schaben befallen. Bevor der Container in den Export geht, muss er begast werden", erklärt Trimborns Kollege Michael Aßmann.

Die Männer verschließen die Containertüren, legen Atemschutzmasken an und stecken einen Schlauch mit Lanze unter der Gummidichtung der Türen hindurch. Der Container wird so zur Begasungskammer. "Für jede Art von Schädlingsbehandlung gibt es ein zugelassenes Gas. In diesem Fall ist das Sulfuryldifluorid", erzählt Aßmann später. Die Gasflasche steht auf einer Waage, so dass der Techniker die eingeleitete Gasmenge anhand des Gewichtsverlustes der Flasche ablesen kann. Die nötige Dosis bemisst er nach seiner Erfahrung und berücksichtigt dabei auch, wie viel Raum die Ware im Container einnimmt.

Das Gas strömt nur wenige Minuten. Dann messen die Techniker, ob das Sulfuryldifluorid durch Ritzen aus dem abgeklebten Container tritt. 24 Stunden lassen sie das Sulfuryldifluorid einwirken, um die Schaben abzutöten. Dann kommen die Schädlingsbekämpfer wieder, sperren die Türen der Container für eine halbe Stunde zum Lüften auf und prüfen anschließend, ob noch Restgas in der Blechkiste ist. Wenn nicht, geben sie die Fracht frei. Im Zielhafen werden dann vermutlich auch Arbeiter mit der Messlanze überprüfen, ob die Kollegen in Bremen sorgfältig gearbeitet haben.