Schach-WM Karjakin gegen Carlsen: Sind Schachspieler besonders intelligent?

Magnus Carlsen (links) liegt bei der WM gegen Sergej Karjakin zurück

(Foto: dpa)

Der Psychologe Roland Grabner erforscht Begabungen - und kennt das seltsame Abschneiden von Schachlegende Kasparow bei Intelligenztests.

Von Marlene Weyerer

Seit dem 11. November kämpfen Magnus Carlsen und Sergej Karjakin um den Weltmeistertitel im Schach. Am Montag ist der Herausforderer Karjakin in Führung gegangen. Die Fans warten auf das nächste Spiel. Sind Schachspieler besonders intelligent? Ein Gespräch mit dem Psychologen und Neurowissenschaftler Roland Grabner, der an der Uni Graz zu den Grundlagen für Begabung forscht.

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SZ: Magnus Carlsen gilt aus Ausnahmetalent im Schach. Was hat Carlsen, das andere nicht haben?

Roland Grabner: Eine Begabung ist vor allem auf die genetische Veranlagung zurückzuführen. Manche Menschen haben Gene für eine höhere Intelligenz, andere für eine Begabung im musikalischen Bereich. Diese genetischen Unterschiede können sich aber nur dann entwickeln, wenn sie lernen, üben und trainieren. Allein mit genetischem Potenzial hat man noch nichts gewonnen, sondern es muss sich erst entfalten und umgesetzt werden. Je besser es gefördert wird, desto eher wird das Maximum erreicht, das die Gene vorsehen.

Auch für Talente gilt: Ohne Fleiß kein Preis?

Schach beruht wie die meisten Expertisen auf einer sehr großen Wissensbasis, die sich die Spieler über Jahre hinweg aufgebaut haben. Sie haben Eröffnungen, Stellungen, Endspiele und Strategien studiert. Die Wissensbasis ist der erste entscheidende Faktor.

Für ein breites Wissen braucht es Erfahrung, die meisten Schachweltmeister sind aber sehr jung. Wie passt das zusammen?

Man kann sich das wie die Hardware und Software eines Computers vorstellen. Die Hardware ist die klassische Intelligenz, die bis zum Erwachsenenalter kontinuierlich zunimmt, eine gewisse Zeit konstant bleibt und dann langsam abnimmt. Die Software ist die Wissensbasis, die man sich durch langjähriges Training erwirbt. Je mehr die Spieler wissen und trainieren, desto besser sollten sie werden, aber gleichzeitig veraltet die Hardware. Die Rechenleistungen sind irgendwann nicht mehr ganz ideal, also nicht mehr so effektiv und effizient wie im jungen Erwachsenenalter. Für Spitzenleistungen braucht man beides: die Software, also das Wissen und die Hardware, die solche Rechenleistungen möglich macht.

Was genau läuft dann im Kopfcomputer eines Schachspielers anders ab als bei Ihnen oder mir?

Intelligente Personen benutzen ihr Gehirn effizient. Sie aktivieren und benutzen nur die Regionen im Gehirn, die für die aktuelle Aufgabe relevant sind. Weniger intelligente Personen müssen quasi ihr ganzes Gehirn hochfahren, um die gleiche Aufgabe zu lösen. Die Effizienz ist aber nicht nur eine Frage der Intelligenz. Mit dem langjährigen Training, das Experten hinter sich haben, wird das Gehirn auch effizienter. Bei Schachspielern bedeutet das konkret, dass vor allem die hinteren Teile des Gehirns, die sogenannten parietalen Teile sehr stark involviert werden. Dort wird das Wissen abgerufen und angewendet. Je mehr Wissen man hat, desto stärker und effizienter werden die parietalen Gehirnregionen eingesetzt.

Können Schachspieler dieses Wissen für weitere Begabungen nutzen?

Garri Kasparow war meines Wissens nach der einzige Schachweltmeister, der sich psychologisch untersuchen und testen hat lassen. Im Alter von 24 Jahren, zwei Jahre nachdem er schon Weltmeister war, wurden mit ihm umfangreiche Intelligenztests durchgeführt. Er war bei numerischen Aufgaben hervorragend. Bei Aufgaben, in denen es um abstrakte Figuren ging, war er allerdings nur durchschnittlich. Dieser Unterschied ist interessant, da man lange vom Gegenteil ausgegangen ist. Schach ist schließlich eine visuelle, figurale Aktivität. Es wäre spannend, wenn nicht nur Kasparow, sondern auch andere herausragende Schachspieler sich ein paar Stunden Zeit für die Wissenschaft nehmen würden.

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