Sägepalmen-Extrakte Pflanzlich, harmlos, nutzlos

Sägepalmen-Extrakte gegen Prostataleiden sind Bestseller. Nur leider helfen sie nicht.

Von Werner Bartens

Wenn Männer in die Jahre kommen, entdecken sie plötzlich ihre Vorliebe für Pflanzliches. Extrakte aus Kürbissamen, Brennnessel, Roggenpollen und dem Afrikanischen Pflaumenbaum erfreuen sich großer Beliebtheit, sobald Beschwerden mit der Prostata beginnen. Besonders populär sind Produkte mit Inhaltsstoffen der Sägepalme.

Die auch als Sabalfrucht bezeichnete Pflanze wächst hauptsächlich in Florida und dem übrigen Südosten der USA. Der aus den Früchten gewonnene Extrakt ist ein globaler Bestseller. Weltweit wird der Umsatz mit Präparaten der Sägepalme auf 700 Millionen Dollar jährlich geschätzt, Tendenz steigend.

Männer, deren gutartig vergrößerte Vorsteherdrüse dazu führt, dass sie häufiger Harndrang spüren, Schmerzen im Unterleib haben und es nach dem Wasserlassen nachträufelt, könnten ihr Geld allerdings besser anlegen als für die Pflanzenpräparate gegen Prostatabeschwerden. Eine große Untersuchung im Journal of the American Medical Association vom heutigen Mittwoch zeigt, dass Sägepalmen-Extrakte wenig nutzen (Bd. 306, S. 1344, 2011).

"Es gab erstaunlicherweise keinerlei messbare Effekte, auch wenn wir die Dosis des pflanzlichen Mittels erhöht haben", sagt der an der Studie beteiligte Urologe Claus Roehrborn von der University of Texas in Dallas. "Weder konnten wir irgendeinen Nutzen noch einen Schaden feststellen, sodass diese Substanzen außer dem Placebo-Effekt wohl gar nichts auslösen."

Ein Team nordamerikanischer Urologen hatte 369 Männer mit Prostatabeschwerden untersucht. Die Hälfte der Männer, die im Mittel 60 Jahre alt waren, bekam zunächst täglich eine Tablette Sägepalmen-Extrakt - die andere Hälfte erhielt ein identisch aussehendes Scheinpräparat. Nach einem halben Jahr wurde die Dosis auf zwei Tabletten täglich erhöht, nach einem Jahr sogar auf drei Tabletten - das ist die dreifache Menge der Standarddosierung.

Die Anzahl der Placebo-Pillen, die von der anderen Hälfte der Männer genommen wurde, stieg ebenfalls an. Alle zwölf Wochen und abschließend nach eineinhalb Jahren wurden die Männer eingehend nach ihrem Befinden, dem Ausmaß der Beschwerden und ihrer Lebensqualität befragt.

Der Sägepalmen-Extrakt schnitt sehr schlecht ab. Zwar schilderten die Männer, dass sie geringfügig weniger Beschwerden beim Wasserlassen verspürten und sich ihre Lebensqualität etwas verbesserte. Doch die minimale Linderung war in der Vergleichsgruppe, die identisch aussehende und schmeckende Pillen ohne den Wirkstoff erhielt, genauso ausgeprägt.

Allein das Gefühl, eine Behandlung zu bekommen, führt zu diesem als Placebo-Effekt bezeichneten Phänomen. "Es macht keinen Unterschied", sagt Gerald Andriole, Urologe an der Washington School of Medicine in St. Louis. "Das Geld kann man sich sparen, denn diese Pflanzenstoffe wirken auch nicht besser als Zuckerpillen."

In Deutschland werden Sägepalmen-Produkte, die oft noch andere Pflanzenstoffe enthalten, offensiv mit Slogans angepriesen wie "Weniger müssen müssen" (Prostagutt) oder "Lebenslust statt Blasenfrust" (Granufink). Die frei verkäuflichen Mittel sind in jeder Apotheke Bestseller, doch auch vor Erscheinen der aktuellen Studie gab es keine fundierten Belege, dass diese Pflanzenmedizin wirkt. Zwar berichteten Männer in einigen älteren Studien, dass sie nachts seltener raus mussten, wenn sie Sägepalmen-Extrakte nahmen.

Daraufhin wurde spekuliert, dass die pflanzlichen Hormone, Öle und Fettsäuren in der Frucht Entzündungen hemmen und abschwellend wirken, sodass der gutartigen Vergrößerung der Prostata im Alter Einhalt geboten werden kann und der Urin wieder besser abfließt. Beweisen ließ sich das aber nicht und je gründlicher die Studien wurden, desto seltener ließ sich eine hilfreiche Wirkung beobachten. Der Verkaufserfolg der Mittel beruht wohl eher auf dem Leidensdruck der Männer, die auf Linderung hoffen und nicht auf einwandfreien wissenschaftlichen Belegen.

Männer, deren Prostata mit zunehmendem Alter immer größer wird und auf die Harnröhre drückt, stehen vor einem Dilemma. Die medikamentöse Therapie, die das Wachstum der Vorsteherdrüse hemmt, kann zu Schwindel, Kopfschmerz und Müdigkeit führen. Verschiedene Operationsverfahren versprechen zwar Erfolg, gehen aber auch in einigen Fällen mit Komplikationen wie Blutungen oder anschließender Inkontinenz einher.

"Die konventionellen Methoden, die wir anbieten, können unangenehme Folggen haben, während sogar die höchste Dosis Sägepalmen-Extrakt keine unerwünschten Wirkungen hat", sagt Harvard-Urologe Michael Berry, der die Studie geleitet hat. "Deswegen würde ich nichts dagegen haben, wenn ein Patient das Pflanzenpräparat nehmen will. Ich würde allerdings sichergehen, dass er verstanden hat, dass es nicht besser als Placebo zu wirken scheint."

Verhindern lässt sich die gutartige Vergrößerung kaum. Die Hälfte aller Männer in ihren 50ern spürt Beeinträchtigungen, unter 80-Jährige sind fast alle betroffen. "Man muss sich entscheiden, ob ein Patient eine wirksame Behandlung braucht oder nicht", sagt Ulrich Wetterauer, Chef der Urologie an der Uniklinik Freiburg. "Bleibt er bei der Pflanzenmedizin, verhindert das oft, dass ihm tatsächlich geholfen wird." Mit Medikamenten lasse sich immerhin der Harnfluss steigern und der Drang dämpfen - zudem könne eine Operation hinausgezögert werden.