Sachverständigenrat für Umweltfragen Deutschland soll mehr Wildnis wagen

Wenn sich die Natur eine Landschaft zurückholen kann, siedeln sich vielleicht sogar Wölfe wieder an.

(Foto: Peter Steffen/dpa)
  • Der Sachverständigenrat für Umweltfragen fordert in seinem Jahresgutachten: mehr Wildnis in Deutschland.
  • Mehr Flächen sollen unangetastet bleiben. Bisher wird das nur auf 0,6 Prozent des Bundesgebiets praktiziert.
  • Oft stehen wirtschaftliche Interessen dagegen. Anwohnern sind Wildnisgebiete häufig suspekt.
Von Michael Bauchmüller, Berlin

Was in der Königsbrücker Heide passiert, das passiert. Bäume brechen um - keiner räumt auf. Flächen stehen unter Wasser - keinen schert's. Der ehemalige Truppenübungsplatz im Nordosten Sachsens ist Wildnis auf 50 Quadratkilometern. Eines der wenigen echten Wildnisgebiete im Land.

Geht es nach dem Sachverständigenrat für Umweltfragen, muss sich dieser Umstand bald ändern. An diesem Dienstag übergibt er sein Jahresgutachten im Bundesumweltministerium, eine seiner Kernforderungen: mehr Wildnis. Zu lange habe hierzulande der Naturschutz "einen bestimmten Zustand aktiv bewahren wollen", heißt es in dem Gutachten. Nötig seien aber Flächen, die sich selbst überlassen blieben. "Menschliche Eingriffe in natürliche Dynamiken sollten so weit wie möglich unterbleiben", empfehlen die Regierungsberater. So wie in der Königsbrücker Heide, wo sich Nattern schlängeln und Kraniche haltmachen. Selbst ein Rudel Wölfe ist hier mittlerweile wieder ansässig. "Gerade bei Flächen wie ehemaligen Truppenübungsplätzen ist das ein bisschen wie nach der Eiszeit", sagt Manuel Schweiger, Wildnisexperte bei der Zoologischen Gesellschaft in Frankfurt. "Da sieht man, wie sich die Natur die Landschaft zurückholt." Der Mensch als Beobachter sei in der neuen Wildnis durchaus willkommen.

Gegner von Wildnisgebieten nutzen die Ängste der Anwohner für ihre Zwecke

Ökologen nennen das organisierte Nichtstun "Prozessschutz". Praktiziert wird dieser derzeit nur auf 0,6 Prozent des Bundesgebiets, aber eine Zielmarke gibt es auch schon: Bis 2020 soll sich die Fläche mehr als verdreifachen, auf dann zwei Prozent. Dazu allerdings müsse mehr geschehen, mahnen die Umwelt-Sachverständigen. Das Ziel lasse sich nur erreichen, "wenn Bund und Länder ausreichende Flächen zur Verfügung stellen". Auch sollten Naturschutzverbände und -Stiftungen öffentliche Gelder erhalten, mit denen sie Flächen kaufen und dann sich selbst überlassen können. Eine "nationale Wildnisinitiative" müsse entstehen, in der sich öffentliche Hand und Naturschützer koordinieren können. Und es brauche mehr Geld für Öffentlichkeitsarbeit. Anwohnern sind die Wildnisgebiete oft suspekt, die Gegner sind gut organisiert. "Oft wird da mit Ängsten gearbeitet, vor Jobverlusten oder Betretungsverboten gewarnt", sagt Schweiger. "Und die treibende Kraft ist nicht selten die Holz verarbeitende Wirtschaft."

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Dieses Muster findet sich an vielen Stellen des 451-seitigen Berichts. Für den Schutz von Umwelt und Natur müsste viel schneller viel mehr passieren, doch wirtschaftliche Interessen stehen dagegen. Einerseits müssten "Eingriffe in den Naturhaushalt substanziell vermindert werden", mahnen die Sachverständigen; schon jetzt ließen sich die Schäden mit klassischen Mitteln des Umweltschutzes kaum mehr beheben. Andererseits aber treffe die Umweltpolitik nach wie vor auf starke Widerstände. So klage die Wirtschaft über "vermeintlich unnötige regulatorische Belastungen" oder die Gefährdung der Wettbewerbsfähigkeit. "Gelegentlich", so formuliert der Bericht vorsichtig, bedürften solche Einwände "auch einer deutlichen Zurückweisung". Häufig komme zu kurz, dass hiesige Ingenieure beim ökologischen Umbau von Industriegesellschaften durchaus eine Vorreiterrolle spielen könnten.

Allerdings bedeute dieser Umbau auch hierzulande die Abkehr von "technologisch ,ausgereizten' Entwicklungspfaden", schreiben die Regierungsexperten. Dazu zählen sie die Verstromung von Braunkohle ebenso wie eine hochintensive Landwirtschaft. "Nur wenn ein Konsens zum Ausstieg aus der Kohleverstromung gelingt, wird auch die Energiewende gelingen können", heißt es im Bericht. In der europäischen Agrarpolitik wiederum widme sich Deutschland eher den "Status-quo-Interessen" als denen der Umwelt - mit Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt. Der Einsatz von Insektiziden, Herbiziden und Fungiziden bleibe einer der Hauptgründe für schwindende Artenvielfalt. Sie sollten künftig mit einer Abgabe belegt sein, um sie künstlich zu verteuern. Nötig seien zudem Refugien und Pufferzonen, "die frei von jeglichem Pflanzenschutzmitteleinsatz sind". Eine Art kleine Wildnis, am Ackerrand.

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