Religion Berauscht in der Megakirche

Mehr als 10.000 Gläubige kommen in einigen amerikanischen Kirchen zu gigantischen Gottesdiensten zusammen. Was sie treibt und verzückt, haben Soziologen jetzt untersucht.

In manchen der amerikanischen Megakirchen versammeln sich sonntags mehr als zehntausend Gläubige, und die Prediger bieten ihnen eine große Show. Eine der gewaltigsten Kirchen ist die Lakewood Church in Houston, Texas, die eine Baptistengemeinde für 75 Millionen Dollar in einer Basketballarena eingerichtet hat. Ihre Leiter, das Ehepaar Joel und Victoria Osteen werden oft als "Pastorpreneurs" bezeichnet, eine Kombination aus Seelsorger und Unternehmer.

1200 protestatische Megakirchen mit jeweils mehr als 2000 Gemeindemitgliedern hätten den "religiösen Markt" aufgerollt, stellt jetzt der Soziologe James Wellmann von der University of Washington in Seattle fest. Zwölf der Kirchen hat er mit seinen Kollegen untersucht, Gottesdienste analysiert und Teilnehmer interviewt.

Der sonntägliche Besuch sei für die Gläubigen wie die Einnahme einer Droge, erklärte er am Sonntag in Denver auf dem Jahreskongress der American Sociological Association. Die Teilnehmer kämen auf der Suche nach emotionaler Energie zum Gottesdienst. Während des Rituals badeten sie im Gefühl von Zugehörigkeit und Liebe, weil Tausende andere gleichzeitig so empfinden.

Kameras bringen Bilder verzückter, betender, weinender oder singender Gläubiger auf Großleinwände. Die Soziologen vermuten, dass der Gottesdienst wie ein Hormoncocktail wirkt, dessen Hauptbestandteil der Bindungsbotenstoff Oxytocin ist. Zudem erfülle das Ritual das Bedürfnis der Teilnehmer, zu Anführern aufzuschauen. Priester wie Osteen bestärken die Gläubigen dabei in religiös und politisch konservativen Werten.