Rekordtemperaturen "Der Klimawandel hat sich beschleunigt"

Indiz für den Klimawandel: Der April 2009 wird der Wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen. Auf Großstädte kommen gewaltige Probleme zu.

Von M. Bauchmüller

Wer immer das vergangene Jahr als zu kalt und den Sommer als mies empfand, den hat sein Gefühl getrogen. Der Sommer war wärmer als sonst, die Sonne schien öfter als im langjährigen Mittel. Und das Jahr war abermals eines der wärmsten - jedenfalls nach den Messungen des Deutschen Wetterdienstes.

Mit durchschnittlich 9,5 Grad Celsius lag es abermals weit über dem Durchschnitt von 8,2 Grad Celsius. Damit zählt 2008 zu den zehn wärmsten Jahren seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1901. So wie acht weitere Jahre seit 1994.

Für den Deutschen Wetterdienst ist das ein klares Indiz für den Klimawandel. "Der Klimawandel hat sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten beschleunigt", sagt Wolfgang Kusch, Präsident des Deutschen Wetterdienstes. "Die Entwicklung geht schneller voran als erwartet." Am Dienstag legte Kusch in Berlin die jüngsten Statistiken der Bundesbehörde vor.

Besonders zu denken gibt den Wetterexperten der Anstieg des Meeresspiegels. Vierzig Jahre lang stieg der Pegel vergleichsweise moderat, zwischen 1961 und 2003 um durchschnittlich 1,8 Millimeter im Jahr. Doch nun beschleunigt sich der Anstieg. In den letzten zehn Jahren dieses Zeitraums, von 1993 bis 2003 stieg er neueren Daten zufolge um 3,3 Millimeter im Jahr, also doppelt so schnell. "Das ist für uns selbst eine große Überraschung gewesen", sagt Kusch.

Vor allem ein schrumpfender Eisrücken Grönlands und schmelzendes Packeis an den Polkappen lässt die Pegel steigen. "Diese Prozesse hat die Wissenschaft aber bis heute nicht komplett verstanden", räumt Kusch ein. Fest stehe nur, dass es schneller geht als gedacht. Vor allem für Küstenregionen werfe der steigende Meeresspiegel nun rascher Probleme auf.

Im Schnitt stiegen die Temperaturen bundesweit in den vergangenen 120 Jahren um ein Grad Celsius, damit etwas stärker als im weltweiten Durchschnitt; der liegt bei 0,7 Grad. Zugleich nehmen die Extreme zu. So hat sich die Zahl der sehr heißen Sommertage an einzelnen Stationen des Wetterdienstes binnen 60 Jahren verdoppelt; die Zahl der Frosttage nahm entsprechend ab. Die Schneefallgrenze in den Alpen steigt. "Hitzesommer" wie jener im Jahr 2003 könnten in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zum Normalfall werden, warnt Gerhard Müller-Westermeier, Klima-Experte beim Wetterdienst.

Die höheren Temperaturen bringen auch den Zeitplan der Natur durcheinander. So setzte die Blüte etwa der Schneeglöckchen im vorigen Jahr erheblich früher ein als im langjährigen Schnitt, teilweise um sechs Wochen. Auch die Apfelbäume blühten vielerorts zwei bis drei Wochen früher als gewöhnlich. Der Trend setzt sich in diesem Jahr fort. Zwar war der Winter kälter als gewöhnlich. Doch schon jetzt ist klar, dass dieser April der wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen sein wird - wärmer noch als der sonnige April 2008.

Gesundheitliche Gefahr

Vor allem Ballungsräume könnten in Zukunft ernsthafte Klimaprobleme bekommen - hier nimmt die Temperatur am stärksten zu. Am Beispiel Frankfurts untersuchte der Wetterdienst, was das konkret bedeutet. So müssen sich die Frankfurter darauf einstellen, bis zum Jahr 2050 an mehr als 60 Tagen im Jahr Temperaturen über 25 Grad Celsius zu haben. Auch die Zahl der Tage mit mehr als 30 Grad sowie der sogenannten Tropennächte wird der Prognose zufolge deutlich zunehmen.

Was nach mediterranen Zuständen am Main klingt, könnte nach Auffassung der Wetterforscher die gesamte Stadtplanung in Frage stellen. "In diesen Ergebnissen steckt Sprengkraft", sagt Paul Becker, Leiter der Klimaabteilung beim Wetterdienst. Denkbar wären mehr Parkanlagen, mehr Arkaden und Sonnensegel über der Einkaufsstraße, der Zeil. Sollte es nicht gelingen, das Stadtklima zu stabilisieren, werde das Leben in der Stadt für viele Menschen zur gesundheitlichen Gefahr, warnt Becker.

Jenseits aller Versuche, sich an das wärmere Klima anzupassen, bleibe jedoch nur der Kampf gegen die weitere Erwärmung - sprich: weltweit weniger Treibhausgasemissionen. "Die globalen Emissionen müssten seit Jahren zurückgehen", sagt Wetterdienst-Chef Kusch. "Doch das Gegenteil ist der Fall." Schon jetzt sei es fraglich, ob sich der Anstieg der globalen Temperatur auf zwei Grad Celsius begrenzen lässt. Wissenschaftler des Weltklimarats IPCC hatten dies als die Grenzmarke definiert, bis zu der die Umwelt einen Temperaturanstieg noch verkraften kann.