Rekonstruktion von Papyrusrollen Schrift aus der Asche

Rekonstruiertes Stück einer Papyrusrolle

(Foto: Mocella et al. Nature Commun.)

300 Grad heiß war der pyroklastische Strom des Vesuv, der im Jahr 79 Pompeji traf und Hunderte Papyri antiker Gelehrter zu Asche verkohlte. Nun ist es Physikern gelungen, die Rollen mit Röntgenstrahlen nach Botschaften zu durchleuchten.

Von Hanno Charisius

Als der Vesuv im Jahr 79 ausbrach, vernichtete er nicht nur Pompeji, sondern begrub auch noch ein paar andere Städte im Umland unter einer meterhohen Schicht aus Lavabrocken und Asche. Herculaneum zum Beispiel ging ebenfalls unter und mit der Stadt am Golf von Neapel auch die heute als "Villa dei Papiri" bekannte Villenanlage samt Bibliothek, in der etwa Schriften des Philosophen Epikur lagerten, als der Vulkan begann, Feuer zu spucken. Den Lavaströmen eilte ein mehr als 300 Grad heißer Gassturm voraus, der viele Papyrusrollen auf einen Schlag zu etwas verkohlte, das aussieht wie ein Stück verbranntes Holz. Man kann von Glück sagen, dass die Grabungshelfer, die vor 260 Jahren die Ruinen frei legten, diese schwarzen Stummel nicht einfach wegwarfen. Sonst hätte der Physiker Vito Mocella aus Neapel am Dienstag nicht auf einer Pressekonferenz verkünden können, dass es ihm und seinem Team gelungen war, zumindest einzelne Buchstaben und Wortfragmente aus den verschmorten Rollen wieder lesbar zu machen, ohne sie dafür öffnen zu müssen.

Verkohltes Papyrus

(Foto: AP)

Die Forscher benutzten starke Röntgenstrahlen aus dem Europäischen Teilchenbeschleuniger ESRF in Grenoble, um die karbonisierten Pflanzenfasern der Papyri zu durchleuchten. Das war schon früher versucht worden, doch weil in der Antike mit Tinte auf Kohlenbasis geschrieben wurde, blieben die Zeichen verborgen. Mocella und Kollegen modifizierten die Methode etwas, wie sie im Fachblatt Nature Communications beschreiben, und konnten so erstmals Buchstaben in den Röntgen-Scans der am schlimmsten geschädigten Rollen entziffern.

War der Philosoph Philodemos der Urheber des Texts?

Die Schriftstücke wurden nicht nur verkohlt, sondern durch einstürzende Gebäude und vulkanisches Material auch zusammengedrückt, was es schwierig macht, die einzelnen Schichten auseinanderzuhalten. Weil Papyrus keine glatte Oberfläche hat, ist es außerdem schwierig, Buchstaben von Blattstrukturen zu unterscheiden. Was die Wissenschaftler bisher lesen konnten, ist deshalb noch nicht besonders erhellend. Sie schafften es, in den verkohlten Lagen einer Papyrusrolle alle Buchstaben des griechischen Alphabets einzeln zu identifizieren.

Nur asymmetrische Zeichen wie B, K oder P erlaubten es überhaupt erst, die Schreibrichtung auszumachen. In manchen Zeichenfolgen erkannten Mocella und seine Mitstreiter Fragmente von Wörtern wie "verneinen", "fallen" oder "sagen". Dennoch glaubt der Physiker, dass sie in naher Zukunft in der Lage sein werden, ganze Texte zu entschlüsseln. "Wir brauchen einfach mehr Ressourcen." Bisher sei das Projekt allein durch die Neugierde seines Teams vorangebracht worden, sagt Mocella. "Um mehr herauszufinden, brauchen wir mehr Mitarbeiter und bessere Computer-Algorithmen für die Analyse der Röntgendaten."

Trotz aller Lücken glauben Schriftexperten allerdings bereits, den Autor des verbrannten Textes identifiziert zu haben. Durch einen Vergleich der Handschrift mit besser erhaltenen Dokumenten eindeutiger Herkunft kam heraus, dass die Rolle wohl vom Philosophen Philodemos beschrieben wurde - wahrscheinlich etwa einhundert Jahre vor dem vorläufigen Ende der Bibliothek der "Villa dei Papiri".