Reaktorkatastrophe von Fukushima Chaos für Jahrzehnte

Arbeiter neben Reaktor 4 des Atomkraftwerks Fukushima-Daiichi (Fukushima-1). Das Foto entstand 2013, die Aufräumarbeiten sind heute noch voll im Gange.

(Foto: REUTERS)
  • Vier Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima sind die Aufräumarbeiten an der Unglücksstelle noch immer in vollem Gange.
  • Die Reste der Atomreaktoren sind heiß und benötigen große Mengen Kühlwasser.
  • Was in den Reaktoren genau geschah, ist noch unklar. Kosmische Strahlung soll jetzt genutzt werden, das herauszufinden.
Von Christopher Schrader

Für die Freunde solcher Anlagen bot das Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi einst ein prächtiges Bild. Die Reaktorblöcke 1 bis 4 standen als Würfel mit blau-weiß-gesprenkelter Fassade ordentlich aufgereiht an einer Art Hafenbecken. Davor erstreckten sich die flachen Maschinenhäuser, die jeweils zwei der Meiler miteinander verbanden. Dann gab es vor vier Jahren ein heftiges Erdbeben 70 Kilometer vor der Küste, dem eine gewaltige Flutwelle folgte. Alle Reaktorgebäude wurden zerstört, die Blöcke 1 bis 3 erlitten eine Kernschmelze, große Teile ihres radioaktiven Inventars verteilten sich im Meer und in der Umgebung.

Heute stehen auf den freien Flächen des Geländes große Tanks, die radioaktiv verseuchtes Wasser speichern. In das Hafenbecken wurde eine Spundwand gerammt, überall gibt es Bohrungen, um Grundwasser abzupumpen. Wie genau die Kerne der Reaktoren geschmolzen sind und wo deren Reste liegen, lässt sich nur vermuten. Ein internationales Simulationsprojekt mit deutscher Beteiligung liefert dazu erst jetzt Hinweise. Das ganze Gelände macht den Eindruck von mühsam beherrschtem Chaos. Die Helfer, die es aufräumen sollen, haben Arbeit für Jahrzehnte vor sich, und müssen ständig überlegen, wo sie heute wieder etwas ausbessern.

Der heiße Reaktor verschlingt Unmengen an Kühlwasser

"Tag für Tag ringen Tausende Arbeiter in Fukushima darum, in kleinen Schritten nennenswerte Fortschritte zu erzielen", konstatiert die Umweltorganisation Greenpeace in einem Statusbericht zum vierten Jahrestag der Katastrophe. "Im Gegensatz zur Regierung und Betreibergesellschaft Tepco geben sie alles, um die Risiken, die von der Ruine des Atomkraftwerks ausgehen, zu minimieren."

Das größte Problem für die Arbeiterist das kontaminierte Wasser. Nach wie vor brauchen die zerstörten Reaktoren jeden Tag 300 000 Liter frisches Kühlwasser. Es bleibt aber nicht dort, wie die deutsche Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS), eine Beratungsfirma der Bundesregierung mit Hauptsitz in Köln, in einem jetzt aktualisierten Bericht zu Fukushima feststellt. "Das zur Kühlung in die Reaktoren eingespeiste Wasser fließt über Leckagen in die Druckkammer der Containments", also vom inneren in den äußeren Sicherheitsbereich der Meiler. "Von dort aus gelangt es auf bisher unbekannten Wegen in den unteren Reaktorgebäudebereich und von dort weiter in das benachbarte Maschinenhaus." Auf dem Weg wird es radioaktiv verseucht und vermischt sich dann auch noch mit eindringendem Grundwasser.

Langzeitfolge: Krebs In Japan werden die Helfer, die im Jahr 2011 die Folgen des Reaktor-Unglücks bekämpften, jetzt sozusagen den Hiroshima-Überlebenden gleichgestellt. Auch bei den 20 000 Arbeitern startet die Stiftung für Strahlungsfolgen eine Langzeitstudie, um deren gesundheitliche Entwicklung zu dokumentieren. Das Reaktor-Unglück von Fukushima könnte sich somit in der japanischen Krebsstatistik niederschlagen. Mindestens 9000 zusätzliche Krebstodesfälle erwartet zum Beispiel die nuklearkritische Ärzte-Organisation IPPNW in den kommenden Jahrzehnten. In der vor Kurzem begonnenen zweiten Reihenuntersuchung von Kindern der Präfektur Fukushima zeigten bereits mehr Kinder als bei der ersten Erhebung Knoten oder Zysten in der Schilddrüse, die einer Beobachtung bedürfen. Bei acht der 103 000 getesteten Kinder ergaben Biopsien einen akuten Krebsverdacht. Laut offizieller Krebsstatistik seien zwei Fälle normal. Der IPPNW hält seine Abschätzung der künftigen Todesfälle für eine Untergrenze. Er bezieht sich auf Daten eines Ausschusses der Vereinten Nationen. Dieser hatte im April 2014 erklärt, die Katastrophe werde nicht zur klaren Zunahme der Erkrankungen führen. Das Risiko dürfte um 0,1 Prozentpunkte steigen. Die Zahlen widersprechen sich nicht unbedingt. So registriert das japanische Krebszentrum 360 000 Todesfälle pro Jahr. Steigt deren Zahl 25 Jahre lang um 0,1 Prozent, also 360, sind das ebenfalls 9000 Fälle. Christopher Schrader

Tepco blieb lange nichts anderes übrig, als die insgesamt etwa 700 000 Liter Wasser pro Tag wieder einzufangen, an die Oberfläche zu pumpen und in Tanks zu verwahren. Um die Menge des kontaminierten Wassers zu verringern, hat Tepco auf der Landseite der Anlage Brunnen gebohrt. Dort wird Grundwasser abgepumpt und an der Anlage vorbei direkt ins Meer geleitet. Das habe die Menge des täglich anfallenden kontaminierten Wassers um 100 000 Liter pro Tag reduziert, meldet die Betreibergesellschaft. Außerdem will Tepco verhindern, dass verseuchte Flüssigkeit wie früher unkontrolliert in den Pazifik fließt. Dazu dient nicht nur die Spundwand. Tepco plant auch, einen Streifen Erdreich rund um die Reaktoren einzufrieren, damit kein Wasser mehr durchkommt. Mit einem Umfang von 1500 Metern und einer Anschlussleistung von acht Megawatt dürfte es der größte Kühlschrank der Welt werden. Geplant ist eine Inbetriebnahme noch in diesem Jahr.

Was vor vier Jahren in den Reaktoren genau passierte, weiß keiner

Großen Aufwand bedeutet für die Helfer in Fukushima auch die Reinigung des verseuchten Wassers in den Tanks. Inzwischen laufen nach vielen Problemen Hilfsaggregate, die 62 radioaktive chemische Elemente aus dem Wasser entfernen, darunter die häufigen Cäsium- und Strontiumisotope. Die Filteranlagen schaffen, wenn sie störungsfrei laufen, pro Woche um die 16 000 Tonnen Wasser, sodass die Wassermenge in den Tanks seit September 2014 sinkt. Dennoch musste Tepco den Termin, zu dem es das gesamte Wasser behandelt haben will, von Januar auf Mai 2015 verschieben. Die Flüssigkeit ist aber auch dann nicht frei von Radioaktivität, weil keine Anlage bisher Tritium entfernen kann.

Was genau vor vier Jahren in den Reaktoren passiert ist, weiß immer noch kein Mensch. Relativ klar ist das nur für Block 1. Er geriet praktisch sofort außer Kontrolle. Als viele Deutsche am Abend des 11. März 2011 in der "Tagesschau" zum ersten Mal das Wort Fukushima hörten, lagen die Brennelemente bereits als glühender Brei auf dem Boden des inneren Sicherheitsbehälters. Dieser barst wenig später, die Masse ergoss sich über den 2,6 Meter dicken Betonboden darunter und brannte ein vermutlich 70 Zentimeter tiefes Loch hinein.

Letzte Hoffnung: kosmische Strahlen

In den Blöcken 2 und 3 ist die Situation weniger klar. Um zumindest Hinweise zu bekommen, haben Atomfachleute in neun Ländern, darunter Experten der GRS, die Ereignisse per Computer simuliert und ihre Ergebnisse verglichen. Die Kölner haben erste Daten jetzt veröffentlicht. Sie nehmen an, dass der Kern des Reaktors 2 nur zum Teil geschmolzen ist, das Inventar des dritten Blocks aber auch bis zum Betonboden hinuntergelaufen ist. Das sähen die Kollegen in anderen Ländern aber teilweise anders, heißt es bei der GRS.

Dieses Wissen wird in vielen Jahren für die Helfer wichtig sein, wenn sie sich daranmachen, die zerstörten Kerne zu bergen und zu entsorgen. Noch immer ist es in den Reaktoren viel zu heiß, und die Strahlung zu intensiv, um Messungen oder Bilder zu machen. Darum hoffen die Experten nun sozusagen auf himmlischen Beistand. Sie wollen Teilchen der kosmischen Strahlung, sogenannte Myonen, auswerten. Diese rasen meist ungehindert durch Materie, aber wenn sie abgefangen werden, dann eher vom Uran der zerstörten Brennelemente als von den leichteren Atomen in anderen Bauteilen. Dieses Verfahren ist erprobt, es diente schon zum Durchleuchten der Pyramiden von Gizeh und zur Kontrolle von Schiffscontainern. Aber wie genau man entsprechende Messgeräte an die zerstörten, strahlenden Reaktoren bringen soll, ist den Forschern noch nicht klar.

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