Raumsonde ISEE-3 Furcht vor dem Crash im All

Ins All gestartet, als Jimmy Carter US-Präsident war: die Raumsonde ISEE-3.

(Foto: Nasa/AFP)

Ein hollywoodreifes Drama spielt sich im erdnahen Weltraum ab. Nasa-Veteranen versuchen, eine längst vergessene Sonde wiederzubeleben. Doch das ist schwieriger als gedacht. Am Ende könnte sogar ein Crash drohen.

Von Alexander Stirn

Es klingt wie aus dem Drehbuch eines Science-Fiction-Films: Eine Gruppe von Veteranen der Nasa will eine ausgediente Raumsonde zu neuem Leben erwecken. Die Ingenieure wollen das 35 Jahre alte Gefährt anfunken, die Steuerung anwerfen, in eine Erdumlaufbahn einschwenken und damit zwar nicht die Welt retten, aber immerhin nach bedrohlichen Sonneneruptionen Ausschau halten. Dieses Projekt sah eine Weile lang ganz real aus. Jetzt allerdings scheint es gescheitert zu sein- zumindest vorläufig.

ISEE-3 heißt das Objekt der Begierde, kurz für Internationaler Sonnen- und Erderforscher Nummer 3. Im August 1978 hatte die Nasa das unbemannte Raumfahrzeug ins All geschickt. Damals vermaß es erstmals den Sonnenwind, den Strom geladener Teilchen, den die Sonne unentwegt aussendet. Später flog es durch den Schweif eines Kometen. 1986 beorderte die Nasa ihre Sonde schließlich zurück zur Erde, wo sie im August 2014 ankommen sollte. In der Zwischenzeit verlor die US-Behörde allerdings das Interesse an dem Raumschiff. Die alten Transmitter zur Kontaktaufnahme wurden verschrottet. Alle Bitten, sie angesichts der Rückkehr zu reaktivieren, verhallten ergebnislos.

2238 Menschen wollten das nicht hinnehmen. Im Mai spendeten sie übers Internet fast 160 000 Dollar (etwa 120 000 Euro), um neue Sendeeinheiten zu entwickeln. Keith Cowing, Autor des kritischen Blogs "Nasawatch", und Dennis Wingo, ein kalifornischer Ingenieur und Unternehmer, hatten die Crowdfunding-Kampagne gestartet. Es passierte, womit kaum jemand gerechnet hatte: Mithilfe der neu gebauten Sendeeinheiten gelang es dem Team, Kontakt zur alten Sonde aufzunehmen. Vor zehn Tagen konnten die Ingenieure sogar kurz die Steuerdüsen aktivieren. ISEE-3 rotiert seitdem in stabiler Lage vor sich hin.

Es droht ein hollywoodreifer Crash

Der große Rückschlag kam in der vergangenen Woche: Bei dem Versuch, die Triebwerke für längere Zeit zu zünden und die Sonde auf eine Bahn in Richtung Erdorbit zu bringen, passiert nichts. Aus der Ferne, vom ISEE-3-Hauptquartier in einer umgebauten McDonald's-Filiale unweit von San José, öffnen und schließen die Ingenieure Ventile, klicken Schalter an, wechseln Tanks und Antriebsdüsen. Vergeblich. Zwar hat ISEE-3 noch genügend Treibstoff an Bord. Möglicherweise fehlt aber der Stickstoff, der das hochgiftige Hydrazin in die Triebwerke pressen soll.

Noch wollen die Raumsondenretter nicht aufgeben. "Wir haben gestern den ganzen Tag mit Weltklasse-Experten beraten und solide Pläne für das Antriebsproblem entwickelt", sagt Cowing. Unter anderem wollen die Ingenieure die Hydrazin-Tanks stärker aufheizen. Auch an längere Zündungssequenzen wird gedacht, um das womöglich verstopfte Antriebssystem zu reinigen.

Berichten, wonach die Raumsonde tot und alle weiteren Bemühungen vergebens seien, tritt Cowing vehement entgegen. "Wir haben ISEE-3 wiederbelebt, die Sonde betreibt Wissenschaft und wird das noch viele Jahre lang tun", twittert der Amerikaner. Neun von 13 Instrumenten an Bord seien noch immer funktionsfähig und lieferten Daten. Auch wenn die Kurskorrektur nicht gelinge, könnten sie für private Forschungsprojekte genutzt werden.

Ein Unsicherheitsfaktor bleibt: Die ursprüngliche, 1986 programmierte Bahn sollte in nur 50 Kilometern Entfernung am Mond vorbeiführen. Schon kleine Ungenauigkeiten bei der Berechnung könnten sich über die Jahre potenziert haben. Im schlimmsten Fall würde ISEE-3 somit am 10. August, zwei Tage vor dem 36. Geburtstag der Sonde, auf dem Mond zerschellen. Auch das Ende der langen Reise wäre dann hollywoodreif.