Forscher staunen über rasende Neutrinos 16.111 Verstöße gegen das Tempolimit des Universums

Tief unter der Erde sind Wissenschaftler im Forschungszentrum Cern dabei, die Weltgesetze auszuhebeln: Sie wollen Neutrinos entdeckt haben, die schneller als das Licht sind. Ihre Ergebnisse rütteln an Einsteins Relativitätstheorie. Doch Physiker weltweit sind skeptisch - die Suche nach der Fehlerquelle beginnt.

Von Christopher Schrader

Eine Krisensitzung in Genf? Das verheißt nichts Gutes in diesen Tagen. Aber es geht weder um Staatsschulden noch um Wechselkurse, sondern um etwas wirklich Wichtiges: um das Verständnis der Welt. Dieses fußt zu einem guten Teil auf dem physikalischen Grundgesetz, wonach die Lichtgeschwindigkeit das absolute Tempolimit des Universums ist.

Aber am Freitagnachmittag haben Physiker am Forschungszentrum Cern in Genf staunenden und skeptischen Kollegen im Saal und vor Computern in aller Welt erklärt, warum ihre Opera genannte Messapparatur in den vergangenen drei Jahren 16.111 Verstöße gegen das Tempolimit registriert hat. Die Nachricht hatte sich am späten Donnerstagabend über die Welt verbreitet, als die Forscher eine Vorveröffentlichung ins Internet stellten; in der Süddeutschen Zeitung erreichte sie noch eine Teilauflage.

Die Opera-Physiker treten nicht mit dem Anspruch auf, die Grundlagen ihrer Zunft umzukrempeln. Sie sprechen nicht von einer "Entdeckung", sondern von einer "Anomalie". "Wir sind schockiert", sagt der Leiter der Gruppe, Antonio Ereditato von der Universität Bern. "Nach vielen Monaten der Fehlersuche und von Gegenkontrollen haben wir keinen Effekt gefunden, der das Ergebnis unserer Messungen erklären könnte."

Cern-Chef Rolf Heuer ergänzte in einer internen E-Mail: "Die Ethik der Wissenschaft verlangt (in einem solchen Fall), dass die Resultate der breiteren Gemeinschaft zugänglich gemacht werden, um eine genaue Prüfung und weitere, unabhängige Experiment anzuregen." Diesem Zweck diente die Krisensitzung.

Ereditato und seine Kollegen studieren das rätselhafte Verhalten sogenannter Neutrinos. Diese durchstreifen zu Myriaden jeden Fleck des Universum, kaum etwas hält sie dabei auf; ganze Planeten sind für sie wie Spinnweben für einen rasenden Hirsch.

Deswegen fliegen die Teilchen auch ohne Probleme durch den Untergrund zwischen dem Forschungszentrum Cern in Genf, wo Physiker sie erzeugen, und dem Messgerät Opera in einem Nebenraum des Straßentunnels unter dem italienischen Gran-Sasso-Massiv. Die beiden Orte sind genau 731 Kilometer und 278 Meter voneinander entfernt. Licht würde 2,43 Millisekunden für die Distanz brauchen, aber die Neutrinos waren der Messung der Physiker zufolge um 60Milliardstel Sekunden schneller.

Kein Polizist im Straßenverkehr würde es wagen, wegen einer Überschreitung von 0,0025 Prozent ein Ticket zu geben, aber den Physikern geht es ums Ganze: Albert Einstein hatte schließlich in seiner speziellen Relativitätstheorie die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit als Basis aller seiner Überlegungen festgehalten. Nur masselose Teilchen, etwa Lichtpartikel, könnten sie erreichen - und nichts sie überschreiten.