Schritte eines Querschnittsgelähmten "Es ist ein irres Gefühl"

Ein Querschnittsgelähmter, der auf eigenen Füßen steht: Was wie Science-Fiction klingt, haben US-Forscher nun erstmals möglich gemacht. Experten warnen Betroffene jedoch davor, sich jetzt schon zu große Hoffnungen zu machen.

Von Christina Berndt

Gerade 18 Jahre alt war Rob Summers, als ihm im Juli 2006 ein Verkehrsunfall die Kontrolle über seinen Körper nahm. Von der Brust abwärts war der junge Mann seither gelähmt. Die Arme konnte er bewegen, aber seine Macht über den Rest seines Körpers war vollständig verschwunden. Daran änderten auch jahrelange Übungen unter der Aufsicht von Ärzten und Krankengymnasten nichts. Er hatte keinen Einfluss mehr auf seine Beine, seine Blase, seinen Darm.

Elektrische Impulse helfen dem Querschnittsgelähmten Ron Summers auf die Beine.

(Foto: dpa)

Nun kann Rob Summers doch wieder gehen - wenn auch nur ein paar Schritte und die nur, wenn ihm andere helfen. Für ein paar Minuten kann der Amerikaner auch stehen, und das ganz alleine. Er kann seine Hüften, Knie, Knöchel und die Zehen bewegen. Und über seine Blase hat er zumindest ein bisschen Kontrolle zurückgewonnen. Solche Fortschritte wurden bei einem Querschnittsgelähmten nie zuvor erreicht. Wie sie gelingen konnten, berichten Summers' Ärzte nun in der Fachzeitschrift Lancet (online): Sie stimulierten das Rückenmark ihres Patienten im unteren Teil seines Rückens mit elektrischen Impulsen. Diese Methode hatte zuvor schon querschnittsgelähmte Katzen wieder zum Laufen gebracht, bei einem Menschen war Ähnliches aber bisher nicht ansatzweise gelungen.

Üblicherweise sendet das Gehirn über die Nerven Spannungssignale an die Muskeln, so dass sich diese nach den Wünschen der Leitzentrale unter der Schädeldecke in Bewegung setzen. Die Signale von Rob Summers' Gehirn aber konnten wegen seiner Unfallverletzung gar nicht im unteren Rückenmark ankommen. Seine Ärzte versuchten deshalb, Nervenzellen unterhalb der Verletzung direkt mit elektrischen Impulsen anzusprechen. "Das Gehen wird durch Willkür, aber auch durch Gefühl und Kraft bestimmt", erläutert Einar Wilder-Smith von der Klinik für Paraplegiologie der Universität Heidelberg. Es gehe letztlich auch ohne die Willkür des Gehirns, weil die Bewegungsabläufe in den Nervenknoten des Rückenmarks großenteils gespeichert sind und wieder abgerufen werden können, wenn zum Beispiel die Füße den Boden berühren und zugleich ein Impuls das Rückenmark aktiviert. Rob Summers' Arzt Reggie Edgerton drückt das so aus: "Das Rückenmark ist schlau."

Eineinhalb Jahre trainierte Summers mit einem ganzen Team von Betreuern. Dann gelangen ihm die Schritte, über die seine Ärzte nun stolz berichten. Trotz des Erfolgs dämpft Reggie Edgerton übersteigerte Hoffnungen: Von einer routinemäßigen Anwendung sei die Methode noch weit entfernt, betont er. Auch sei Summers kein ganz schwerer Fall gewesen, weil er immerhin noch Gefühl in den Beinen hatte. Gleichwohl feiern er und seine Kollegin Susan Harkema die Fortschritte ihres Patienten als großen Erfolg.

Die Ergebnisse beeindrucken auch Ulrich Altdörfer vom Zentrum für Paraplegiologie am Klinikum Karlsbad. Er weist allerdings darauf hin, dass das unterstützte Gehen, das Summers nun beherrscht, noch alles andere als alltagstauglich sei. Die Bewältigung des Alltags und die Integration in die Gesellschaft aber seien die wichtigsten Ziele nach einer Querschnittslähmung. "In der ersten Zeit wünschen sich alle Gelähmten, wieder gehen zu können", berichtet Altdörfer. "Später aber merken sie meist, dass andere Dinge im Vordergrund stehen und man ein erfülltes Leben auch im Rollstuhl führen kann." So sei es von besonderer Bedeutung für die Patienten, ihre Blase kontrollieren zu können.

Rob Summers aber will mehr. Er findet, dass die Elektrostimulation sein Leben schon jetzt komplett verändert habe. "Für jemanden, der vier Jahre lang nicht mal einen Zeh bewegen konnte, ist es ein irres Gefühl, wieder allein stehen zu können", sagt er. Der 23-Jährige will in jedem Fall weiter trainieren - für ein Leben ohne Rollstuhl: "Ich glaube, diese Stimulation wird mich eines Tages aus diesem Stuhl herausbringen."