Pubertät Baustelle im Kopf

Sobald sie in die Pubertät kommen, machen viele Jugendliche bisweilen einen unzurechnungsfähigen Eindruck. Auch zwischen den Geschlechtern zeigen sich Unterschiede im Verhalten. Wissenschaftler haben nun eine überraschend einfache Erklärung gefunden.

Von Werner Bartens

Sie sind völlig neben der Spur, verstehen sich selbst und die Welt nicht mehr. Und von anderen fühlen sie sich sowieso nicht verstanden. Die Pubertät ist eine besonders irritierende Phase im Leben. Aus Sicht der Jugendlichen ist es die Zeit, in der die Eltern schwierig werden. Und die Eltern würden ihren Kindern in dieser Phase am liebsten ein Warnschild an die Stirn heften: Wegen Umbau geschlossen.

Wissenschaftler haben nun eine überraschend einfache Erklärung dafür gefunden, warum viele Jugendliche einen unzurechnungsfähigen Eindruck machen, sobald sie in die Pubertät kommen: Ihr Gehirn ist in dieser Zeit schlicht weniger durchblutet.

Dieser Befund trifft auf beide Geschlechter zu. Ärzte der University of Pennsylvania zeigen im Fachblatt PNAS (online) vom heutigen Dienstag allerdings, dass sich die Durchblutung des Gehirns bei Jungen und Mädchen erheblich unterscheidet.

Der Blutfluss nimmt mit dem Ende des Grundschulalters kontinuierlich ab, bei Jungen werden aber in den Folgejahren besonders jene Hirnareale weniger versorgt, in denen Gefühle verarbeitet werden und die für angemessenes soziales Verhalten wichtig sind. Dazu gehören die Inselregion und der orbito-frontale Cortex.

"Alle Eltern wissen, dass Jungen und Mädchen auf unterschiedliche Weise erwachsen werden", sagt der Psychiater Theodore Satterthwaite, der die Studie geleitet hat. "Unsere Ergebnisse zeigen, wann die Unterschiede im Gehirn beginnen, und vielleicht können wir daraus ableiten, welche Entwicklungsschritte in welchem Alter typisch sind."

Erklären die neuen Befunde die Sozialkompetenz der Frauen?

Das Ärzteteam hatte die Gehirne von 922 jungen Menschen zwischen acht und 22 Jahren mithilfe einer speziellen Kernspintechnik untersucht und dabei festgestellt, dass zwar ab dem Alter von etwa zehn Jahren die Hirndurchblutung bei Mädchen wie Jungen abnimmt. In der Mitte der Pubertät manifestieren sich jedoch die Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Bei den Mädchen steigt die Blutversorgung mit etwa 16 Jahren wieder an, während sie bei Jungen anschließend noch weiter absinkt. "Wir wissen, dass auch bei Erwachsenen das Gehirn von Frauen besser durchblutet ist als das der Männer", sagt Satterthwaite. "Jetzt haben wir beobachtet, wann sich die Unterschiede erstmalig zeigen."

Die Forscher konnten allerdings nicht der Spekulation widerstehen, die zumeist besseren sozialen Fähigkeiten der Frauen auf die stärkere Durchblutung ihres Gehirns zurückzuführen. Zwar seien sie in diesem Bereich den Männern zumeist überlegen, dafür könnte die intensivere Durchblutung aber das Risiko für Depression, Schizophrenie und Angststörungen erhöhen, vermuten die Neuroforscher um Satterthwaite.

Nie ist die Differenz zwischen Wissen und Fühlen größer

Immer wieder haben Wissenschaftler untersucht, was sich im jugendlichen Gehirn abspielt und welche spezifischen Veränderungen bei Jungen und Mädchen in dieser Zeit vor sich gehen. Der Verhaltensforscher Stephen Suomi vom Nationalen Institut für Kindergesundheit der USA hat gezeigt, dass ein gestörter Serotonin-Stoffwechsel junge männliche Rhesusaffen anfällig für auffällig-aggressives Verhalten macht.

Kann weniger von dem Überträgerstoff im Gehirn gebunden werden, eskaliert das normale Spiel der Tiere schnell zum Kampf. Die aggressiven männlichen Jungaffen sprechen in Versuchen zudem deutlich stärker dem Alkohol zu. "Diese streitsüchtigen Tiere haben angefangen zu trinken, bis sie umfielen", sagt Suomi. "Von der Horde werden sie gemobbt, andere Mütter sehen sie als Bedrohung ihres Nachwuchses an."

Soziale Fähigkeiten entwickeln diese isolierten Affen nicht, und damit sind sie manchen Jungmännern durchaus ähnlich. Sie bringen nicht nur andere, sondern auch sich in Gefahr. "Etwa die Hälfte dieser Affen überlebt diese gefährliche Zeit nicht", sagt Suomi. Zwar werden viele prägende Erfahrungen in der frühesten Kindheit vermittelt, in der Jugend sind jedoch nicht nur junge Affen, sondern auch junge Männer besonders verletzlich.

"Der größte Unterschied zwischen intellektuellen und emotionalen Fähigkeiten besteht im Alter zwischen 14 und 19 Jahren", sagt der Psychologe Nick Allen von der Universität Melbourne. "Das zeigt auch die Gehirnentwicklung." Die seelische Reifung kommt bei männlichen Jugendlichen selten mit der körperlichen Entwicklung mit. In keiner Phase des Lebens ist die Differenz zwischen Können und Wollen, Wissen und Fühlen größer.

Trotz vieler beeindruckender Befunde ist es dennoch weiterhin eine Illusion, dass man mit Aufnahmen vom Gehirn das Rätsel der psychischen Instabilität während der Pubertät ergründen könnte. Mit Ausnahme der neu beobachteten Unterschiede in der Durchblutung zeigen die Form und Struktur des Gehirns kaum Differenzen zwischen den Geschlechtern. "Man kann in diesen Bildern ja nicht mal das Gehirn eines Mädchens von dem eines Jungen unterscheiden", sagt Jay Giedd von den Nationalen Gesundheitsinstituten der USA.