Selbstüberschätzung Weiß ich doch

Der "Hang zur chronischen Selbstüberschätzung" sei weitverbreitet, warnen die Autoren einer neuen Studie

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"Meta-Toxine", "bio-sexuell": Diese Begriffe sind erfunden. Das hinderte Teilnehmer einer Studie nicht, sie mit großem Ernst zu erklären. Warum Besserwisser Unfug erzählen, wenn sie meinen, sattelfest zu sein.

Von Werner Bartens

In Arztpraxen und Krankenhäusern sind sie gefürchtet, im sonstigen Leben gelten sie als elende Nervensägen. Die Rede ist von Menschen, die immer Bescheid wissen, überall den Durchblick haben - und dies andere auch deutlich spüren lassen. Sogar wenn sie medizinischen Rat suchen, sagen solche Zeitgenossen dem Arzt, was er gleich bei ihnen finden wird und wie sie am besten behandelt werden sollten. Was diese selbsternannten Experten jedoch nicht ahnen: Im Gefühl ihrer eigenen Überlegenheit bemerken sie oft nicht, wie sie sich grandios überschätzen und gerade in Gebieten, in denen sie sich besonders gut auszukennen meinen, fulminant danebenliegen.

Forscher der Cornell University zeigen nun im Fachblatt Psychological Science (online), dass die Besserwisser vor allem dann erstaunlichen Unfug behaupten, wenn sie sich in einem Thema für sattelfest halten. Die eigenen Schwächen und Stärken beurteilen sie häufig falsch. Das Wissenschaftlerteam um Stav Atir hat mit verschiedenen Tests untersucht, wie Freiwillige ihre Kenntnisse einschätzen - und wie wenig diese oft mit ihrer tatsächlichen Expertise zu tun haben. "Das eigene Wissen einzuschätzen, ist keineswegs so einfach, wie es uns erscheint", sagt Psychologe Atir. "Das gilt besonders für jene Menschen, die sich selbst einen hohen Kenntnisstand zuschreiben."

"Meta-Toxine" oder "bio-sexuell": Die Probanden meinten sogar, frei erfundene Begriffe zu kennen

In einer ersten Versuchsreihe sollten Freiwillige ihre Finanzkenntnisse einschätzen und zudem 15 Schlagwörter aus der Welt des Geldes erklären. Während in der Liste seriöse Begriffe wie Inflation und Eigenkapital auftauchten, hatten die Wissenschaftler auch drei erfundene Stichwörter wie "annualisierter Kredit" und andere Fantasiebegriffe daruntergemischt. Je sicherer sich die Probanden ihrer ökonomischen Kenntnisse waren, desto öfter erklärten sie mit großem Ernst, was sich hinter den ausgedachten Termini verbarg. "Je mehr sich die Leute auf ihr Wissen um Finanzen einbildeten, desto eher überschätzten sie ihre Kenntnisse und waren mit ausführlichen Erklärungen für die fiktionalen Begriffe zur Hand", sagt Atir. "Das galt nicht nur im Finanzsektor, sondern auch für andere Bereiche wie Literatur, Philosophie, Geografie oder Biologie."

Auch als in einem anderen Experiment ein Teil der Probanden gewarnt wurde, dass in einer Liste mit biomedizinischen Termini einige Fantasiebegriffe untergebracht waren, gaben sich die selbsternannten Experten zuversichtlich und scheuten nicht davor zurück, erfundene Schlagwörter wie "Meta-Toxine" oder "bio-sexuell" zu erklären. Dass die verzerrte Selbstwahrnehmung beeinflusst werden kann, zeigten die Wissenschaftler mit einem weiteren Versuch. Dazu ließen sie Freiwillige zunächst an einem einfachen Geografie-Quiz teilnehmen, während andere Probanden schwierige Aufgaben bekamen. Konnten die Teilnehmer die einfachen Fragen - wenig überraschend - gut beantworten, hielten sie sich für Experten und waren sich sicher, Ortschaften genau lokalisieren zu können. Das galt auch dann, wenn sich die Versuchsleiter Städte ausgedacht hatten, beispielsweise die Gemeinde mit dem hübschen Namen Cashmere in Oregon.

Die Forscher betonen, dass es ihnen keineswegs darum geht, die Unwissenheit vieler Zeitgenossen bloßzustellen. Vielmehr warnen sie, dass der Hang zur chronischen Selbstüberschätzung viele Menschen daran hindert, sich intensiver mit manchen Themen zu beschäftigen. Dies gelte gerade dort, wo sich Leute auf ihre vermeintlichen Stärken etwas einbilden und glauben, über gute Kenntnisse zu verfügen. Die irrige Wahrnehmung könne zu Fehlentscheidungen mit verheerenden Folgen führen - beispielsweise in den Bereichen Geldanlage oder Gesundheit. "Wir sollten weiter untersuchen, warum sich Menschen so überschätzen", schreiben die Forscher. "Vielleicht können wir auf diese Weise eine große Bedrohung abwenden - nicht die durch Unwissenheit, sondern jene durch die Illusion von Wissen."