Psychologie Soziale Sanktionen wirken stärker als Geldstrafen

Geldstrafen helfen zwar Verbote durchzusetzen. Doch ohne Kontrolle verblasst die Wirkung. Wird ein Verhalten aber sozial geächtet, halten sich Menschen selbst dann an das Verbot, wenn sie unbeobachtet sind.

Von Sebastian Herrmann

Wie lässt sich ein Raucher motivieren, seine Zigarette draußen statt im Lokal anzuzünden? Und wie bringt man jemanden dazu, Müll nicht auf die Straße zu werfen oder sein Auto nicht im Halteverbot abzustellen?

Die Antwort ist simpel: durch Verbote, deren Missachtung durch Geldstrafen sanktioniert wird. Doch so wirksam dieses Muster auch ist, es hat seine Grenzen: Sobald keine Kontrollen und deshalb keine Strafgebühren zu befürchten sind, verblasst die Wirkung des Verbotes.

Die Psychologen Rob Nelissen und Laetitia Mulder von der niederländischen Universität Tilburg berichten nun, dass soziale Missbilligung längere Wirkung zeigt als finanzielle Bestrafung. Wird ein Verhalten sozial geächtet, halten sich Menschen auch dann an das Verbot, wenn sie niemand bei ihrem Vergehen beobachtet (Social Influence, Bd. 8, S. 70, 2013).

Die Wissenschaftler ließen ihre Probanden an einem Spiel teilnehmen, das egoistisches Verhalten einiger Teilnehmer belohnt. Für das Ergebnis der Gruppe - die Probanden wurden mit Geld belohnt - ist es aber wichtig, dass die Mehrzahl der Teilnehmer kooperiert.

Ein Drittel der Probanden konnte Schmarotzer mit Geldstrafen sanktionieren - der Grad der Kooperation war in dieser Gruppe besonders hoch.

In einer weiteren Gruppe war es möglich, die Egoisten in der Runde sozial zu ächten. Auch das steigerte das kooperative Verhalten, wenn auch nicht so stark.

In einer Kontrollgruppe spielten die Teilnehmer ganz ohne Sanktionen und bildeten letztlich das Reich der Egoisten.

Als die Psychologen unter einem Vorwand die Bestrafungsmöglichkeiten aus dem Spiel nahmen, brach die Kooperation in der Geldstrafen-Runde in kurzer Zeit gänzlich zusammen. Wurde Wohlverhalten zuvor durch die Androhung sozialer Ächtung erreicht, blieben die Probanden hingegen kooperativ.

Finanzielle Strafen verleiten eher zu kühlen Kosten-Nutzen-Analysen, argumentieren die Psychologen Nelissen und Mulder in ihrer Studie. Und wenn kein Strafzettel droht, spricht diese Kalkulation eindeutig zugunsten egoistischen Verhaltens.

Oder die Strafe fühlt sich sogar an, als kaufe man sich das Recht, eine Norm zu verletzen. So zum Beispiel in einer mittlerweile berühmten Studie über das Verhalten von Eltern: Würde eine Geldstrafe diese dazu bringen, ihre Kleinen stets pünktlich aus dem Kindergarten abzuholen?

Das Gegenteil war der Fall. Die Eltern betrachteten die Strafe als Gebühr für das Recht, die Schließzeiten des Kindergartens zu ignorieren. Öffentliche soziale Missbilligung hätte die Eltern wohl eher dauerhaft diszipliniert.