In den USA ist der Rorschach noch immer ein Test, der häufig mitentscheidet, ob ein Gewaltäter auf freien Fuß kommt, oder wer das Sorgerecht für ein Scheidungskind erhält. In den 1990er Jahren spielte er in 25 Prozent aller forensischen Diagnosen eine entscheidende Rolle.

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Nach Zahlen von 2007 nutzen dort 80 Prozent der Gutachter in Familiensachen den Kleckstest, mit manchmal dramatischen Folgen. James Wood schildert in seinem Buch den Fall der Rose Martelli, die dummerweise in einem der Klecksbilder einen angebissenen Truthahn zu sehen glaubte.

Lieber Schmetterlinge als Geschlechtsmerkmale

Gar nicht gut, urteilte der Gutachter und sprach in dem Sorgerechtsprozess ihren Sohn Noah dem Vater zu. Der hatte zwar vier gescheiterte Ehen hinter sich, war gewalttätig, lebte unter falschem Namen und wurde des sexuellen Missbrauchs verdächtigt, aber brillierte im Rorschach.

Kein Wunder, dass in den USA die Selbsthilfeorganisation Sparc, die geschiedene Eltern in Sorgerechtsfragen vertritt, zu Vorsicht rät. Sie hatte bereits Jahre vor Wikipedia die Rorschach-Bilder mit den gängigen Interpretationen veröffentlicht und hält den Test von vornherein für unseriös.

Wenn er sich nicht umgehen lasse, dann solle man auf den Bildtafeln eben Schmetterlinge entdecken, Menschen, die sich die Hand halten und wogende Blätter; und eher nicht allzu viele primäre Geschlechtsmerkmale, und - bitte - unbedingt Sätze vermeiden wie: "Ich sehe, wie der Teufel das Gehirn eines Babys isst."

Im entspannten Deutschland hat man solche Probleme nicht. Soweit dort ein Psychoanalytiker überhaupt noch den Rorschachtest verwendet, dann meist als projektives Verfahren, um vorsichtig zu ergründen, wo es dem Patienten in der Seele drückt.

Es wäre deshalb schade, ganz auf ihn verzichten, meint Therapeut Rauchfleisch von der Universität Basel, einer der wenigen Wissenschaftler, der noch etwas Gutes am Rorschach finden kann. Aber auch er sagt: "Natürlich genügt der Test nicht den gängigen wissenschaftlichen Kriterien."

Noch kritischer ist der Psychologe Marcus Roth von der Universität Leipzig: "Der Test zeichnet sich durch eine geringe Objektivität aus." Je nach Auswerter würden die Deutungen der Testpersonen ganz unterschiedlich interpretiert - was der eine Psychologe ermittelt, findet der nächste fragwürdig und umgekehrt.

Transparenz als Bedrohung

"Seine Anwender betreiben eine Art von Deutungs- und Auslegungskunst anstelle empirischer Wissenschaft", sagt Roth. Und deshalb sei dem Deuter, also dem Analytiker, daran gelegen, seine Deutungen geheim zu halten. Nur deshalb werde Transparenz - wie jetzt von Wikipedia erzwungen - als Bedrohung erlebt.

Im Grunde sei der Test nichts weiter als ein Anachronismus, der auf der überkommenen Vorstellungen der Psychoanalyse beruhe, dass die Diagnose einer psychischen Störung die eigentliche Kunst sei.

Heutige Verhaltenstherapeuten dagegen vertrauten auf methodisch sauber entwickelte Tests und standardisierte Verhaltensbeobachtungen, mit denen sie seit langem besser fundierte Diagnosen erstellen könnten, um dann mit ihrer eigentlichen Aufgabe beginnen: der Behandlung des Patienten. Den Rorschach brauche niemand mehr.

Diese Einsicht ist nicht für alle eine gute Nachricht. Als vor wenigen Jahren der Hilfsarbeiter Cary Stayner wegen der Ermordung dreier Touristen im Yosemite National Park vor Gericht stand, plädierten seine Verteidiger auf pathologische Unzurechnungsfähigkeit.

Sie engagierten einen angesehenen Psychologen, der einen Rorschachtest an Stayner machte und ihm den maximalen Punktewert auf dem Psychotiker-Index bescheinigte. Doch in diesem Fall mochten die Richter dem Gutachter nicht folgen. Sie verurteilten Stayner zum Tode.

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  1. Der Totenschädel einer Kuh
  2. Rorschachs steile Thesen
  3. Sie lesen jetzt Tipps für den Rorschachtest
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(SZ vom 06.08.2009/gal)