Den Spiegelneuronen kommt hierbei eine entscheidende Bedeutung zu, wie etwa die Befunde des Hirnforschers Christian Keysers von der Universität Groningen nahelegen. Laut Jonathan Haidt ist das menschliche Gehirn darauf abgestellt, andere Menschen nachahmen zu wollen. Und so wie Menschen als Gruppenmitglieder ihre motorischen Aktivitäten einander angleichen, so "synchronisieren" sie auch ihre Meinungen.

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Das Gehirn belohnt konformes Verhalten mit Glückshormonen

Wie zahlreiche Studien seit den 1950er-Jahren belegen, neigen Menschen dazu, sich in Gruppen meinungskonform zu verhalten. Das haben die Experimente des Psychologen Salomon Ash und ihre zahlreichen Replikationen gezeigt. Selbst wenn es um etwas Belangloses geht - etwa um die Frage, ob eine Linie X länger als eine Linie Y ist - streben Menschen einen Konsens an.

Das Gehirn belohne nämlich Konformität, argumentierte der Neuroforscher Vasily Klucharev von der Radboud University in Nijmegen jüngst im Fachblatt Neuron. Ordnen sich Menschen der Mehrheitsposition unter, produziert ihr Gehirn vermehrt das Glückshormon Dopamin. Konformität, das suggerieren diese Studien, hat eine neurobiologische Basis. Deshalb tendierten Menschen dazu, ihr Selbst in der Gruppe aufzulösen.

In dieser Absolutheit lässt sich diese Behauptung jedoch nicht halten. Es liegen zahlreiche Befunde vor, die für das Gegenteil sprechen. In manchen Situationen streben Menschen danach, sich von der Gruppe abzusetzen und sich unterscheidbar zu machen. Das zeigen beispielsweise die Ergebnisse von Hans-Peter Erb. "Wir wollen weder in der Masse untergehen noch voll in ihr aufgehen", sagt der Sozialpsychologe von der Universität der Bundeswehr in Hamburg.

Soll man nun junge Menschen im Gleichtakt marschieren lassen, damit sie sich in ökonomischen oder ökologischen Verteilungskämpfen kooperativ verhalten? Nein, wie kooperativ ein Mensch handelt, lässt sich nicht daran ablesen, ob er die Mitglieder seiner eigenen Gruppe protegiert. Entscheidend ist, wie er sich gegenüber Fremdgruppen verhält. Es ist möglich, nach innen kooperativ zu handeln und nach außen egoistisch.

Ob Wiltermuths Probanden auch mit den Mitgliedern fremder Gruppen stärker kooperiert hätten, ist unklar. Sicher ist jedoch, dass Menschen schon als Kind lernen, in den Kategorien "Fremd" und "Eigen" zu denken.

Schon Fünfjährige denken besser über die eigene Gruppe als über Fremde. Gruppengefühl ist etwas, was sich automatisch ergibt. Die Kunst besteht darin, die Verständigung und den Kooperationswillen zwischen verschiedenen Gruppen zu steigern. Synchron getanzte Figuren helfen da nicht weiter.

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(SZ vom 07.02.2009/mcs)