Psychologie Frauen sind großzügiger

Auch kulturelle Erwartungen beeinflussen die Empathie.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Männer kümmern sich vor allem um sich selbst. Was wie ein veraltetes Geschlechter-Klischee klingt, können Hirnforscher nun bestätigen und erklären.

Von Werner Bartens

Er ist der unbeirrbare Ego-Shooter und hat nur seinen Vorteil im Blick; sie gibt gerne und hat immer ein offenes Ohr für andere - so ungefähr muss man sich die Vorurteile über das Sozialverhalten von Männern und Frauen vorstellen. Männer gelten demnach als Gefühls-Legastheniker, die hauptsächlich um sich selbst kreisen und nicht bemerken, wie es den Menschen in ihrer Nähe geht. Frauen hingegen sind erfüllt von Wärme und Mitgefühl und haben ein Gespür für die Nöte ihrer Umgebung. Was wie ein veraltetes Geschlechter-Klischee klingt, dafür gibt es offenbar eine Erklärung: Das Gehirn von Frauen fördert demnach Großzügigkeit, jenes von Männern ist hingegen eher für egoistisches Verhalten ausgelegt.

Neuro-Ökonomen der Universität Zürich um Alexander Soutschek zeigten jetzt im Fachblatt Nature Human Behaviour, dass Frauen großzügiger einen Geldbetrag verteilen. Ein Grund dafür ist die Art und Weise, wie ihr Belohnungssystem im Gehirn aktiviert wird. Der sogenannte Streifenkörper in der Hirnmitte, der Verhalten und Gefühlsverarbeitung regelt, wird bei Frauen stärker stimuliert, wenn sie sich sozial und uneigennützig geben - sie fühlen sich dadurch besser. Bei Männern führt hingegen egoistisches Handeln zu wohligeren Gefühlen. "Das Belohnungssystem von Frauen reagiert stärker auf großzügige Entscheidungen als jenes von Männern", sagt Soutschek.

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Wie stark sich die Neurobiologie auf das Verhalten auswirken kann, zeigten die Schweizer Forscher in weiteren Experimenten. Durch die Gabe von Medikamenten unterdrückten sie bei den Probanden die Ausschüttung des wichtigsten "Glückshormons" Dopamin, das Gefühle wie Zufriedenheit und Wohlbefinden auslöst. In der Folge verhielten sich die Frauen im Vergleich zu vorher erkennbar egoistischer, die Männer wurden sozialer.

Wer sich als Mann nun als Opfer der Biologie sieht und sein rücksichtsloses Verhalten mit einer ungünstigen Mischung der Neuronen und Hormone rechtfertigt, liegt allerdings falsch. Lernen und Belohnungsempfinden sind im Gehirn eng miteinander verknüpft. Und Mädchen werden nun mal eher dafür gelobt, wenn sie umsichtig und hilfsbereit sind. Bei Jungs wird das kaum beachtet; sie bekommen Anerkennung, wenn sie sich durchsetzen. "Mädchen lernen früh, eher eine Belohnung für prosoziales als für egoistisches Verhalten zu erwarten", sagt Soutschek. Der Geschlechterunterschied ließe sich "daher am besten durch die unterschiedlichen kulturellen Erwartungen an Männer und Frauen erklären".

Demnach könnten es schlicht Erziehung und Erfahrung sein, die Mädchen großzügiger sein lassen. Und weil es dafür Lob gibt, wird dieses Verhalten verfestigt und prägt sich auch neurobiologisch ein. Für diese These sprechen weitere Befunde: Vor Jahren stellten Wissenschaftler fest, dass die angebliche Unfähigkeit der Männer, über ihre Gefühle zu reden, auch darauf zurückgeht, dass Mütter mit ihren Söhnen weit weniger emotional reden als mit den Töchtern. Wer es nicht gewohnt ist und gelernt hat, tut sich später schwer damit. Frauen haben hier einen Startvorteil - und bei Männern dauert es, bis die Verschaltungen in ihrem Gehirn ein emotionaleres und großzügigeres Verhalten zulassen.

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