Psychologie Erste Klasse macht Flugpassagiere aggressiv

Na, neidisch? Erste-Klasse-Kabine eines Airbus A320

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Auf Flügen mit opulenter First Class bekommen Reisende häufiger einen Wutausbruch, haben Forscher ermittelt. Grund scheint die soziale Ungleichheit zu sein.

Von Christian Endt

Schlechtes Essen, kaum Bewegung und schnarchende Sitznachbarn: Es gibt eine Menge guter Gründe, im Flugzeug die Nerven zu verlieren. Die Boulevardmedien sind voll mit Meldungen über ausfällig gewordene Passagiere. Sie prügeln, entblößen sich oder schütten den Flugbegleitern Suppe über den Kopf. Im Englischen gibt es mit "air rage" einen eigenen Begriff für aggressives Verhalten im Flugzeug. Die großen Airlines führen Statistiken über das Phänomen.

Einen dieser Datensätze haben Wissenschaftler der Universität von Toronto nun ausgewertet. Was sie jetzt in der Fachzeitschrift PNAS veröffentlichten, verrät zwar nichts über die Qualität der Flugzeuggastronomie, bietet aber eine andere Erklärung für den Zorn an Bord: soziale Ungleichheit.

Zwei getrennte Sitzkategorien haben dieselbe Wirkung wie neun Stunden Verspätung

Demnach komme es fast viermal so oft zu Zwischenfällen während des Fluges, wenn das Flugzeug über eine separate First Class oder Business Class verfügt. Die Klassentrennung hat in dieser Hinsicht den gleichen Effekt wie eine neunstündige Verspätung des Flugs. Sitzen dagegen alle Passagiere in der gleichen Kabine, wie es in kleinen Kurzstrecken-Maschinen meist der Fall ist, gibt es weniger Aggression. Je deutlicher den Reisenden die Ungleichheit bewusst wird, desto deutlicher ist der Effekt: Die Rate der Ausfälligkeiten verdoppelt sich nochmals, wenn ein Passagier den Flieger am vorderen Ende betritt und auf dem Weg zu seinem günstigen Economy-Platz an den opulent ausgestatten, teuren Sitzen vorbeigehen muss.

Auch den privilegierten Fluggästen tut es offenbar nicht gut, mit Angehörigen der anderen Schicht konfrontiert zu werden: Besitzer eines teuren Business-Tickets werden sogar zwölfmal so häufig ausfällig, wenn die Economy-Kunden durch ihr Abteil gehen, als wenn diese durch eine Tür in der Mitte des Flugzeugs direkt in ihre Kabine gelangen. Womöglich steigt einigen Passagieren auf den vorderen Plätzen die Vergegenwärtigung ihrer Privilegien dermaßen zu Kopf, dass sie die Regeln des Anstands vergessen.

Die Studie beruhe auf Daten einer "großen, internationalen Fluglinie". Sie enthalte alle Zwischenfälle aus mehreren Jahren, insgesamt über tausend Vorkommnisse. Genaue Angaben könne man nicht machen, weil die Fluglinie sonst identifizierbar sei, schreiben die Wissenschaftler. Für jedes aufgezeichnete Ereignis untersuchten die Forscher, ob es in der Maschine eine oder zwei Abteile gab und ob der Weg zum Economy-Sitz an den exklusiveren Plätzen vorbeiführte. Zu den registrierten Auffälligkeiten gehören unter anderem Beschimpfungen, Gewalt, unerlaubtes Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum.

"Mikrokosmos der Klassengesellschaft"

Als abstraktes Phänomen seien Ungleichheit und ihre Folgen gut erforscht, so die Forscher, etwa in Bezug auf Einkommen und Bildungsstand. Ungleichheit zeige sich aber auch in der alltäglichen Umgebung. "Das moderne Flugzeug spiegelt einen Mikrokosmos der Klassengesellschaft", schreiben Katherine DeCelles und Michael Norton. "Eine räumliche Gestaltung, die Ungleichheit hervorhebt, kann antisoziales Verhalten in Flugzeugen auslösen." Das gelte wohl auch, wenn Angestellte morgens auf dem Weg zu ihrem Schreibtisch im Großraumbüro am weitläufigen Einzelzimmer des Chefs vorbeimüssen.

Laut Berichten von Branchenverbänden und Flugbegleiter-Gewerkschaften nahmen aggressionsbedingte Zwischenfälle auf Flügen in den vergangenen Jahren zu. Laut DeCelles und Norton könnte das auch daran liegen, dass die immer dichtere Anordnung der Sitze in der Economy-Klasse den sozialen Stress unter den Passagieren erhöht.

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