Psychologie des Starrkopfs Wer eine Meinung hat, ignoriert die Fakten

Eine Studie ist als Fälschung entlarvt, eine Behauptung als Legende und Verschwörungstheorie enttarnt? Egal, viele Menschen glauben trotzdem daran - selbst wenn sie erfahren und verstanden haben, dass es sich um Lügen handelt. Warum ist das so?

Von Sebastian Herrmann

Die EU schreckt vor nichts zurück. Wenn die Bürokraten in Brüssel sich ausreichend Gedanken über die korrekte Krümmung von Gurken gemacht und ein paar Milliarden Euro für Agrarkonzerne überwiesen haben, dann führen sie einen Feldzug gegen Vernunft und Natur.

Stopp! Zieht die Notbremse! Dieses Gerede zeichnet selbstverständlich ein Zerrbild - allerdings eines, das viel Zustimmung provoziert.

Deswegen verbreitete sich auch das Gerücht vom Heilpflanzenverbot so rasant, das vor drei Jahren die Runde machte. Die EU verdinge sich mal wieder als Erfüllungsgehilfe der Pharmaindustrie, lautete die wesentliche Argumentation der Anwälte dieser Verschwörungstheorie. Brüssel plane den Anbau aller Heilkräuter zu verbieten. Sogar Kamille oder Brennnessel im privaten Garten zu ziehen, solle untersagt werden.

Nichts davon ist wahr. Die EU plante kein Heilpflanzenverbot. Weil aber viele Menschen der EU alles zutrauen und die Pharmaindustrie ohnehin als Hauptsitz des Bösen in der Welt gilt, fand die Legende Unterstützer. Mehr als 120.000 Menschen unterzeichneten eine e-Petition an den Bundestag - obwohl die Legende in einer massiven Aufklärungskampagne als das enttarnt wurde, was sie war: eine Legende.

Sogar Berufsverbände von Heilpraktikern und Naturheilkundlern machten darauf aufmerksam, dass mitnichten ein Heilpflanzenverbot bevorstehe. Doch Fehlinformationen sind wie Unkraut, sie vergehen nicht und sie kommen immer wieder. So ging das Gerücht 2011 in die zweite Runde durch das Internet. Und erst diesen August warben nimmermüde Aktivisten für eine neue Petition gegen den Plan, den niemand hat.

Selbst wenn eine Legende wasserdicht widerlegt wurde, lassen die Leute nicht locker. Klar, manchen mag es schlicht entgangen sein, dass Unsinn ist, was da kursiert. Doch es kommt schlimmer. Wie nun eine Studie von Tobias Greitemeyer von der Universität Innsbruck zeigt, glauben tatsächlich viele Menschen auch dann noch an diskreditierte Informationen, wenn ihnen klar ist, dass diese falsch sind.

Es ist wert, das zu wiederholen: Selbst wenn jemand weiß und verstanden hat, dass eine Geschichte falsch und nichts als eine Lüge ist, neigt er dazu, trotzdem daran zu glauben. Psychologen nennen dieses Phänomen "Belief Perseverance", und Greitemeyer demonstriert diesen Effekt nun im Fachmagazin Psychonomic Bulletin & Review (online): Seine Probanden hielten teils das Ergebnis einer Studie auch dann noch für wahr, wenn ihnen deutlich gesagt wurde, dass diese auf gefälschten Daten basiere. Wenn der Mensch einmal an etwas glaubt, dann will er seine Haltung nur höchst ungern aufgeben.

Zombie-Studien: tot, aber nicht zu beerdigen

Der Psychologe Greitemeyer fokussiert seine Studie auf ein Problem aus seiner eigenen Disziplin, die in jüngster Zeit von mehreren spektakulären Fälschungsfällen erschüttert wurde. Forschern wie Diederik Stapel, Dirk Smeesters oder Lawrence Sanna hatten Studien fabriziert und publiziert, für die sie sich sämtliche Daten ausgedacht hatten - Fiktion statt Forschung. Zwar ist der Betrug aufgeflogen, aber die haltlosen Ergebnisse der Veröffentlichungen geistern weiter wie Zombies durch das Fach: Sie sind tot und doch nicht zu beerdigen.

Andere Disziplinen steuern zu diesem Problem deprimierende Daten bei: Selbst wenn Fachzeitschriften Veröffentlichungen zurückziehen und darauf hinweisen, dass die Studien gefälscht waren, werden diese noch in großem Umfang zitiert und für bare Münze gehalten.

Es verhält sich wie im Fall des vermeintlichen EU-Heilpflanzenverbots. Manche verpassen die Nachricht vom Betrug, die anderen wissen Bescheid und glauben dennoch. Greitemeyer prüfte das mit einer gefälschten Studie, die Lawrence Sanna im Journal of Experimental Psychology platziert hatte. Befindet sich ein Mensch in einer physisch erhöhten Position und steht im wörtlichen Sinne über anderen, fördere dies prosoziales Verhalten, behauptete Sanna darin.

Greitemeyer legte nun seinen Probanden eine Zusammenfassung dieser Fälschung vor. Einen Teil der Probanden klärte er anschließend auf, dass es sich um Betrug gehandelt habe. Als diese dann sagen sollten, ob vielleicht doch etwas an der These von der körperlicher Höhe und der sozialen Ader dran sei, geriet die Antwort deprimierend positiv.

"Das ist ein Spezialfall für ein bekanntes, sehr gut belegtes Phänomen", sagt Greitemeyer. Zahlreiche Studien haben gezeigt, was für Starrköpfe Menschen sind und wie stark sie sich vor Gegenargumenten sträuben. Ist eine Meinung geformt, dient sie als Filter, durch den Informationen bewertet werden. Etwa in dem folgenden Beispiel: Opa hütet zum ersten Mal sein Enkelkind. Er füttert den Säugling mit Milch aus einem Fläschchen, aber das Kind schreit, offenbar leidet es unter Blähungen.