Psychologie Der letzte Eindruck zählt

Das Dessert macht das Menü: Der letzte Eindruck prägt Urteile besonders stark, berichten Psychologen. Das kann absurde Konsequenzen haben.

Von Sebastian Herrmann

Achtung, Binsenweisheit: Das Finale entscheidet. Tatsächlich gilt das nicht nur für Fußballmeisterschaften, Tennisturniere und andere Wettkämpfe, es scheint auch ein grundsätzlicher Umstand des Lebens zu sein. Der letzte Eindruck prägt das Urteil über Erlebtes besonders stark. Auf das Ende kommt es an: Ein Katastrophentag kurz vor Abreise ruiniert einen sonst großartigen Urlaub, eine seltsame Verabschiedung versaut ein eigentlich wunderbares Treffen. Und der letzte Bissen einer Speise, so zeigen Psychologen um Emily Garbinsky von der Universität Stanford in einer aktuellen Studie, kann das Urteil über ein Gericht oder sogar ein komplettes Menü prägen (Psychological Science, online).

Wer einen Vortrag hält oder an einer Debatte teilnimmt, wird den Tipp schon vielfach gehört haben: Die stärksten Argumente sollten entweder gleich zu Beginn oder am Ende der Rede vorgebracht werden. Die Inhalte zwischen diesen beiden Polen vergisst das Publikum mit großer Wahrscheinlichkeit. Manchmal entfaltet der letzte Eindruck sogar mehr Wirkung als der erste - Psychologen sprechen von sogenannten Rezenz-Effekten. Als letzter Kandidat von mehreren Bewerbern zum Vorstellungsgespräch zu kommen, kann demnach die Chancen auf den Job erhöhen. Das Team um Emily Garbinsky stellte sich nun die Frage, ob diese Effekte auch beim Essen wirken. Dazu ließen die Forscher Probanden Kekse verzehren und ermittelten, wie sehr die Menge des angebotenen Gebäcks den Eindruck am Ende beeinflusste. Je mehr Kekse die Teilnehmer des Tests zu sich genommen hatten, desto geringer beurteilten sie ihren am Ende erlebten Genuss und desto geringer fiel ihre Lust aus, bald wieder solche Kekse zu essen. Da liegt der Einwand nahe, dass die Teilnehmer einfach nur zu große Portionen bekommen haben. Wer sich an einem geliebten Gericht ordentlich überfrisst, zeigt schließlich auch wenig Neigung, sofort wieder das Gleiche zu essen.

In einem weiteren Versuch entkräfteten die Psychologen dieses Erklärungsmuster. Dazu servierten sie diesmal ihren Probanden ein großes Glas Traubensaft und anschließend Kekse. Eine Hälfte der Testteilnehmer erhielt nach den Keksen nochmals einen winzigen Schluck Traubensaft, der lediglich die Erinnerung an den Geschmack auffrischte. Dann sollten die Probanden beurteilen, wie sehr ihnen der Traubensaft am Ende geschmeckt hatte. Die eine Hälfte hatte den letzten Schluck vor den Keksen erlebt, also nachdem sie schon einigen Saft getrunken hatten. Unter diesen Umständen fiel ihr Urteil schlechter aus, als wenn sie nach einer kurzen Pause nur noch einmal an das Aroma erinnert wurden. So stach die Geschmackswahrnehmung einfach mehr heraus und wurde deshalb besser bewertet. Dabei hatten beide Gruppen ziemlich genau gleich viel Saft getrunken.

Diese Wirkung des finalen Eindrucks sorgt unter Umständen für seltsame Urteile. Psychologen um Ed Diener zeigten dies am Beispiel von Lebensläufen. Dazu legten sie verschiedene Biografien vor und ließen deren Attraktivität beurteilen. Das ideale Leben sieht demnach grob folgendermaßen aus: Ein super Jahr folgt auf das nächste, bis der Tod schlagartig alles beendet. Rätselhaft erscheint, warum ein ähnliches, ja sogar längeres Leben als weniger erstrebenswert empfunden wird: Ein super Jahr folgt auf das nächste, ebenso lang wie im Beispiel zuvor, doch statt des plötzlichen Todes folgen noch einige gute Jahre, nicht mehr super, aber noch gut. Müsste das nicht die bessere Wahl sein? Weil am Ende ein Abfall der Lebensqualität steht, gilt diese Variante als weniger attraktiv, obwohl sie objektiv die bessere Wahl wäre. Auch in der Schmerzwahrnehmung verzerrt der letzte Eindruck das Gesamtbild. Der Psychologe Daniel Kahneman beobachtete in einer Studie, dass Probanden 60 Sekunden Schmerz schlimmer fanden als 60 Sekunden Pein gleicher Intensität mit anschließenden 30 Sekunden leicht reduzierter Quälerei. Sie bevorzugten insgesamt mehr statt weniger Schmerz - wenn die Qual nur hinten raus etwas nachließ und die finalen Momente weniger scheußlich waren.

Der letzte Eindruck färbt das Urteil. Ein Feuerwerk macht schließlich auch erst am Ende richtig Laune, wenn die Pyrotechniker zum großen Finale ansetzen. Wer also demnächst ein mehrgängiges Menü serviert und sich glückliche Gäste wünscht, der zaubert am besten ein sensationelles Dessert.