Psychologie Das ist aber unfair!

Kinder entwickeln im Alter zwischen sechs und acht Jahren einen objektiven Sinn für Gerechtigkeit. Um diesen zu erforschen verteilten Psychologen im Experiment einen zuverlässigen Fairnessindikator: Süßigkeiten.

Von Werner Bartens

Wer die Fußball-WM in Brasilien in Erinnerung hat, mag kaum glauben, dass der Mensch als faires und gerechtes Lebewesen gilt. Da wurde getreten, geschubst, gegrätscht und sogar gebissen - und hinterher mit großer Unschuldsgeste beteuert, dass nichts vorgefallen sei. Wahrscheinlich ist dieses Verhalten auf die Sozialisation als Fußballer zurückzuführen. Leugnen, Reklamieren und zur Schwalbe abheben lernen die Spieler im Sportverein. Eine neue Studie zeigt indes, dass Menschen bereits im Kindesalter einen Sinn für Objektivität und Fairness entwickeln. "Das ist ungerecht", rufen sie, wenn sie oder andere benachteiligt werden.

Allerdings neigt der Mensch dazu, Unfairness begangen von Freunden oder Gleichgesinnten nicht so stark zu verurteilen wie das ungerechte Verhalten Fremder. Psychologen der Universitäten Harvard und Yale zeigen im Fachblatt PNAS (online), dass diese Parteilichkeit offenbar altersabhängig ist. Während Sechsjährige Ungerechtigkeiten in der eigenen Gruppe noch milder bewerten als die von anderen, ist ihr Gerechtigkeitssinn mit acht Jahren mit mehr Objektivität versehen. Sie gehen auch dann gegen Unfairness vor, wenn sie aus den eigenen Reihen kommt.

Anfangs wird noch zwischen Freund und Feind unterschieden

Die Forscher um Jillian Jordan hatten zunächst 32 Sechsjährige untersucht. Die Kinder wurden nach ihrer Lieblingsfarbe in blaue und gelbe Gruppen eingeteilt, und trugen Hüte der entsprechenden Farbe. Dann schaute jeweils ein Kind zu, wie sechs Süßigkeiten zwischen einem Mitglied der eigenen und der anderen Gruppe geteilt wurden. Empfanden die "Schiedsrichter" die Aufteilung als fair, bekamen beide Empfänger die Naschereien. Wenn sie die Verteilung missbilligten, mussten die Schiedsrichter mit einer eigenen Süßigkeit die Ungerechtigkeit ausgleichen - Bonbons eines unfairen Aufteilers kamen weg.

Bei den Sechsjährigen zeigte sich, dass sie weniger streng gegenüber Mitgliedern der eigenen Gruppe waren, Unfairness bei anderen jedoch streng ahndeten. In einer zweiten Versuchsreihe wurden 32 Achtjährige mit dem identischen Versuch konfrontiert. Jetzt zeigte sich, dass die älteren Kinder weniger bestechlich in ihrem Urteil waren und sich von der Gruppenzugehörigkeit kaum beeinflussen ließen. "Die Sechsjährigen waren noch nachsichtig gegenüber ihresgleichen", sagt Jordan. "Bei den Achtjährigen war hingegen deutlich zu spüren, dass sie auch dann um Gerechtigkeit bemüht waren, wenn es auf ihre eigenen Kosten ging. Sie hatten das Gefühl, dass Egoismus schlecht ist, egal ob er sich bei Mitgliedern der eigenen Gruppe zeigt oder bei Fremden." Bereits im Grundschulalter entwickeln Kinder offenbar so viel Empathie, dass sie andere als unfair behandelte Opfer ansehen können, egal wie fremd sie ihnen sind.

Die Forscher fragen sich, ob das gezeigte Verhalten kulturspezifisch für den Westen ist oder es sich um Normen der Fairness handelt, die es überall auf dem Globus gibt. Erneut bestätigt diese Untersuchung, dass sich Mitgefühl und Gerechtigkeitssinn schon bei kleinen Kindern finden und der Mensch nicht "von Natur aus" egoistisch ist, wie manche Ökonomen und Politiker gerne mittels biologistischer Blaupausen behaupten, um ungezügelten Wettbewerb zu rechtfertigen und Egoismus als Tugend darzustellen. Das Gegenteil ist der Fall: Der Biologe Frans de Waal hat anhand vieler Beispiele von Mensch und Tier gezeigt, warum sich fast alle Lebewesen "im richtigen Moment solidarisch und kooperativ verhalten".

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