Weshalb steht einer nach einer Pleite vor dem Abgrund, ein anderer hingegen wieder auf? Wieso landet einer am Ende einer großen Liebe im Suff, während der andere bald neuen Sinn im Leben findet? Die Antwort liegt in frühen Erfahrungen.
Niemand hätte der jungen Frau aus Wien zugetraut, dass sie einmal wieder glücklich sein würde. Als Natascha Kampusch kurz nach ihrer Flucht im Fernsehen auftrat, machte sie die Zuschauer sprachlos. Ein hilfloses Opfer hatten sie erwartet, das nach acht Jahren in der Gewalt eines Entführers gebrochen wirkt. Stattdessen präsentierte sich eine selbstbewusste junge Frau, die in ihrem Innersten unversehrt zu sein schien.
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Wer früh erfahren hat, dass er Anderen etwas bedeutet, findet auch nach Schicksalsschlägen neuen Mut. (© iStockphoto)
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Wie kann es sein, dass jemand ein solches Martyrium übersteht, während andere Menschen schon nach viel kleineren Schicksalsschlägen den Lebensmut verlieren? Weshalb sprudelt ein Unternehmer nach dem Bankrott seiner Firma wieder vor neuen Ideen, während sich ein anderer aufgibt? Warum nagt ein falscher Satz eines Kollegen an dem einen drei Tage lang, während der andere ihn kaum hört? Weshalb landet einer am Ende einer großen Liebe im Suff, während der andere bald neuen Sinn im Leben findet? Die Frage, was uns stark macht, beschäftigt Psychologen derzeit sehr. Ganz offensichtlich gibt es Zeitgenossen, die wie Felsen in der Brandung kaum zu erschüttern sind. Von ihnen möchten alle gerne lernen.
Viel zu lange haben sich Psychologen nur mit den Abgründen der Seele befasst. Haben erkundet, wie Wahnvorstellungen, Depression und Panikattacken entstehen, bis sich einzelne Abtrünnige der Positiven Psychologie zuwandten. Sie wollen die Strategien erkunden, mit denen sich die Lebenstüchtigen durch Krisen manövrieren, und die Ressourcen finden, die sie dafür bereithalten.
Einen Teil dieses Geheimnisses hat Willy Brandt einmal kurz und knapp verraten: "Es gibt kaum hoffnungslose Situationen, solange man sie nicht als solche akzeptiert", sagte er in hohem Alter. Das gehänselte, vaterlose Kind, der Flüchtling, der Mann aus dem Untergrund, der es später zum Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger brachte, verriet unmissverständlich: Die Starken, die Stehaufmännchen finden immer einen Ausweg. Sie haben die Kraft, Licht am Horizont zu sehen, wo es anderen aussichtslos erscheint. Sie wissen genau, was sie als nächstes tun werden, wenn andere planlos sind. Resilienz nennen Psychologen das, die Kraft, aus einer deprimierenden Situation wieder ins volle Leben zurückzukehren.
Die große Überraschung
Die Ursprünge der Resilienzforschung gehen in die 1950er-Jahre zurück. Damals begann die amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner eine Studie auf der hawaiianischen Insel Kauai. Vier Jahrzehnte lang beobachtete Werner dort 698 Jungen und Mädchen. Deren Chancen auf ein schönes Leben standen alles andere als gut. Armut, Vernachlässigung, Misshandlung prägten ihre Kindheit. Nicht selten waren die Ehen der Eltern zerrüttet, Geld fehlte immer, viele Väter waren süchtig nach Alkohol.
Am Ende aber gab es eine große Überraschung. Hätten Psychologen alter Schule den Kindern ausnahmslos ein desaströses Schicksal vorausgesagt, so ist seit Emmy Werners Langzeitstudie klar: Auch wenn die Startbedingungen noch so schlecht sind, meistern manche Menschen ihr Leben gut. Ein Drittel der Kinder von Kauai wuchs zu selbstbewussten, fürsorglichen und leistungsfähigen Erwachsenen heran, die im Beruf wie in persönlichen Beziehungen bestanden.
Als erster deutscher Fachmann machte sich Friedrich Lösel von der Universität Erlangen-Nürnberg, auf die Suche nach dem Geheimnis der starken Kinder. Er wollte das Besondere finden, das diese Kinder vor seelischen Problemen und Verwahrlosung bewahrte. Das war Teil einer neuen Sichtweise auf die Entwicklung des Menschen. Heute geht es Psychologen nicht mehr nur um Belastungen, die das Selbstbewusstsein täglich erschüttern, sondern zunehmend auch um Schutzfaktoren für die Seele. Und der allergrößte Schutz im Leben ist Bindung.
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... Trend ab. Die Abkehr, das Abrücken von den Kranken, den Hilfebedürftigen und Schwachen, denjenigen, die im hobbes'schen Wolfsrudel partout nicht bestehen können. Sie verliert man als hoffnungslose Fälle aus dem Blick und kümmert sich stattdessen nur noch um die "leichten" Fälle, die dankbaren und unproblematischen Vorbilder, die Flexiblen und Anpassungsbereiten, die unter welchen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auch immer einfach nur Funktionierenden. Das paßt sich perfekt in ein liberales Bild von der Unveränderlichkeit dieser Rahmenbedingungen ein. Nicht die sozialen Umgebungsvariablen des Menschen sollen an dessen Bedürfnisse angepaßt werden - nein, umgekehrt, die Menschen, bzw. ihr Bewußtsein und Selbstbild sollen so umgeformt werden, daß es sich nahtlos in den Kontext von Wachstum, Wettbewerb und "Fortschritt" einfügt. Diesem Versuch einer fundamentalen Umwertung sollten die Humanisten unter uns nicht auf den Leim gehen.