Psychologie Affen in der Midlife-Crisis

Das Leben von Schimpansen und Orang-Utans unterscheidet sich grundlegend von dem des Menschen. Doch auch die Affen leiden im mittleren Alter häufiger unter schlechter Stimmung. Gibt es demnach biologische Gründe für die menschliche Midlife-Crisis?

Von Christian Weber

Schimpansen auf Gut Aiderbichl bei Salzburg. Hier kümmert man sich um traumatisierte Primaten. In vielen Zoos zeigen Menschenaffen Anzeichen einer Art Midlife-Crisis.

(Foto: Reuters)

Ein Rätsel gilt es zu lösen. Menschenaffen mittleren Alters müssen keine Kreditraten für Doppelhaushälften in der Vorstadt abzahlen, die Kinder rechtzeitig zur Schule bringen, mit dem Ehepartner streiten, das Smartphone bedienen und sich um das tägliche Brot kümmern, zumindest im Zoo nicht. Und dennoch scheinen auch sie im mittleren Alter unzufriedener mit ihrem Leben zu sein.

Das zumindest schließt ein Forscherteam um den schottischen Primatologen Alexander Weiss von der University of Edinburgh aus Verhaltensbeobachtungen an insgesamt 336 Schimpansen und 172 Orang-Utans aus Zoos, Schutzgebieten und Forschungseinrichtungen in den USA, Kanada, Australien und Singapur (PNAS, online).

Die Wissenschaftler hatten zuvor eine für Menschenaffen geeignete Punkteskala des Wohlbefindens entwickelt, mit der sie - unterstützt von Tierpflegern und Zoowärtern - den Gemütszustand der Tiere in Abhängigkeit ihres Alters ermittelten. Bei der statistischen Auswertung ergab sich über die Lebensspanne ein U-förmiger Verlauf, wie man ihn auch von menschlichen Lebensläufen kennt.

Die jungen Schimpansen starten also frohgemut ins Leben, werden dann im mittleren Erwachsenenalter immer missmutiger und im höheren Alter wieder besser gelaunt. Der Tiefpunkt war demnach mit durchschnittlich 31,9 Jahren erreicht, "somit also vergleichbar mit dem menschlichen Wohlfühl-Minimum, das bei 45 bis 50 Jahren liegt", schreiben die Autoren.

Ein Sumatra-Orang-Utan im Dortmunder Zoo. Schimpansen und Orang-Utans sind in ihrer Lebensmitte unzufriedener und unglücklicher als in ihrer Jugend und im Alter.

(Foto: dapd)

"Angesichts all der anderen Verhaltens- und Entwicklungsparallelen zwischen Menschen, Schimpansen und Orang-Utans hatten wir Ähnlichkeiten beim Glücksempfinden über den Lebenslauf erwartet", sagt Hauptautor Weiss. Es sei "wunderbar", dass sich die Hypothese nun bestätigt habe.

Die neuen Befunde könnten nämlich helfen, die verbreitete Unzufriedenheit von Menschen mittleren Alters besser zu verstehen. Zwar durchlebt längst nicht jeder Erwachsene eine ernsthafte Midlife-Crisis, die ein Leben aus der Bahn werfen kann. Aber dass die Unzufriedenheit der Mittvierziger größer ist, gilt als gesicherter Befund aus vielen Studien, unabhängig vom Geschlecht.

Suizidstatistiken und Antidepressiva-Konsum erreichen im mittleren Alter ihren Höhepunkt, wenn man Kovariablen herausrechnet. Selbst in Entwicklungsländern findet sich die U-Kurve der Lebenszufriedenheit. Ökonomische und soziodemografische Faktoren scheinen also keinen großen Einfluss zuhaben. "Dieser Befund lässt vermuten, dass es Gründe für die U-Form gibt, die über die klassischen soziökonomischen Kräfte hinausgehen", schreiben die Autoren der neuen PNAS-Studie.

Stress und "hedonistische Anpassung"?

Sie misstrauen der Ansicht, wonach etwa der viel zitierte Stress mit kleinen Kindern und im Job den Missmut der mittleren Jahre ausreichend erkläre. Gegen andere Erkläransätze stehe, dass sie kaum miteinander vereinbar seien: So sprechen manche Forscher von einer "hedonistischen Anpassung" - man werde milder gestimmt, wenn man im Alter akzeptiere, dass man nicht mehr alle Ambitionen erfüllen müsse. Andere Autoren verweisen auf die Geldsorgen der Mittvierziger.

Die PNAS-Autoren hingegen glauben aufgrund ihrer Forschung an Schimpansen und Orang-Utans an die Bedeutung biologischer Gründe: "Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine überzeugende Theorie der menschlichen U-Kurve auch den ähnlichen Trend bei unseren evolutionären Vettern, den großen Affen, erklären sollte."

Über die beteiligten Mechanismen müsse man diskutieren, vermutlich seien mehrere am Werk. So ergab eine Studie von Alexander Weiss in Biology Letters im vergangenen Jahr, dass glückliche Orang-Utans - ähnlich wie Menschen - schlicht länger leben und somit im Alter das durchschnittliche Wohlbefinden erhöhen.

Andere Autoren vermuten, dass altersbedingte neuronale Veränderungen mehr Zufriedenheit stiften.

Und schließlich gibt es noch die Theorie, die etwa die Psychologin Heather Urry von der Tufts University vertritt: Sie glaubt, dass viele ältere Menschen eher in der Lage sind, sich Situationen zu suchen, die ihnen emotional guttun und ihre Aufmerksamkeit auf positive Informationen zu lenken. So ähnlich könnte es auf dem Affenfelsen auch sein, spekulieren die Verfasser der PNAS-Studie.