Psychische Krankheiten Stress and the City

Das Leben in der Stadt hat seinen Preis: Es macht anfällig für psychische Krankheiten. Am Gehirn eines Menschen können Forscher sogar erkennen, ob er als Kind in einer Großstadt gelebt hat.

Von Christian Weber

Es gab und gibt viele gute Gründe für Menschen, aus den Dörfern zu fliehen: Freiheit und Kultur, bessere Arbeit, echte Abwechslung in den Restaurants und Kinos, die Freuden der Anonymität, weniger Gartenzwerge. Die Hälfte der Menschheit lebt derzeit in Städten; noch 1950 waren es nur 30 Prozent; gegen 2050 werden es an die 70 Prozent sein, besagen Schätzungen. Doch immer deutlicher zeigt sich, dass Stadtbewohner auch einen gesundheitlichen Preis für ihre Lebensweise zahlen: Trotz der in der Regel besseren medizinischen Versorgung und Hygiene sowie des größeren Wohlstandes erkranken sie deutlich häufiger an psychischen Störungen.

Zu viel Enge macht krank: Stadtmenschen haben ein höheres Risiko an Depressionen oder Angststörungen zu erkranken.

(Foto: dpa)

Einer Metaanalyse aus dem letzten Jahr zufolge liegt das Risiko für Angststörungen in den Städten um 21 Prozent und für affektive Erkrankungen wie Depressionen um 39 Prozent höher als auf dem Land. Relativ sicher sind sich Psychiater auch, dass Menschen, die in der Stadt geboren und aufgezogen wurden, doppelt so häufig an einer Schizophrenie erkranken, wobei die Epidemiologie auf eine Dosis-Wirkung-Beziehung deutet: je größer die Stadt, desto gefährdeter der Geist. Dabei scheint die Umgebung besonders im Kindesalter relevant zu sein.

In einer bahnbrechenden Publikation hat jetzt ein Forscherteam um Florian Lederbogen und Andreas Meyer-Lindenberg vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit erstmals eine spezifische Hirnstruktur ausgemacht, die für diese bislang nur statistisch belegten Effekte verantwortlich sein könnte (Nature, Bd. 474, S. 498, 2011). Für ihre Studie rekrutierten die Forscher psychisch gesunde Probanden, die je nach ihrer Herkunft dem ländlichen Raum, Orten mit mehr als 10.000 oder größeren Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern zugeordnet wurden. Im Labor mussten die Teilnehmer dann verschiedene Tests absolvieren, in denen sie gezielt sozialem Stress ausgesetzt wurden: Sie lagen in der Röhre eines funktionalen Magnetresonanztomographen (fMRI) und mussten anspruchsvolle arithmetische Aufgaben lösen, während der Versuchsleiter sie via Kopfhörer mit scharfer Kritik unter Druck zu setzen versuchte.

Wie zu erwarten, stiegen während des Experiments bei allen Teilnehmern die üblichen physiologischen Stressparameter wie Herzschlag, Blutdruck und der Pegel des Hormons Cortisol. Entscheidend waren jedoch die Bilder, die der Tomograph lieferte: Auf ihnen zeigte sich nämlich, dass die sogenannte Amygdala - das Angstzentrum im limbischen System - umso aktiver war, je größer die Stadt war, die der Proband derzeit bewohnte. Die Aktivität einer weiteren Hirnstruktur, des perigenualen anterioren cingulären Cortex (pACC), korrelierte mit dem Zeitraum, den der Proband während seiner Kindheit in einer Großstadt verbracht hatte. Eine städtische Kindheit hatte zudem zur Folge, dass die funktionale Verbindung zwischen Amygdala und pACC noch bei den erwachsenen Studienteilnehmern erkennbar schwächer ausgeprägt war.

Das sei eine "faszinierende" Entdeckung, kommentieren die Neurowissenschaftler Daniel Kennedy und Ralph Adolphs vom California Institute of Technology, denn gerade dieser gestörte Hirnschaltkreis werde seit einigen Jahren mit einem erhöhten genetischen Risiko für einige psychische Krankheiten in Verbindung gebracht. Und auch die Amygdala gehört seit einiger Zeit zu den Verdächtigen bei verschiedenen, vermutlich auch sozial verursachten Störungen.