Sind wir nicht alle ein bisschen irre? Ein neuer Diagnosekatalog für die Psychiatrie entscheidet über die Grenzen der Normalität. Doch die Bibel der Seelenärzte steht unter dem Verdacht, auch erfundene Krankheiten zu enthalten. Kritiker warnen vor der "totalen Medikalisierung des Normalen".
Heather Norris war zwei Jahre alt und manchmal außer sich vor Wut. Wie es ihr heute wohl geht? Ihr Pech war, dass die Harvard-Psychiater Joseph Biederman und Janet Woozniak Anfang der 90er Jahre die Idee hatten, dass sich hinter kindlichen Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität eine bipolare Störung verbergen könnte. Das ist eine Krankheit, die sich durch den Wechsel manischer und depressiver Phasen auszeichnet und zuvor fast ausschließlich bei Erwachsenen festgestellt wurde. Doch die Idee von Biederman und Woozniak verbreitete sich in der wissenschaftlichen Gemeinde rasch, unterstützt von der Pharmaindustrie. Bei immer mehr Kindern wurde eine bipolare Störung diagnostiziert; so auch bei Heather, die eine der jüngsten Psychiatrie-Patienten der Geschichte sein dürfte. Die meisten von ihnen bekamen daraufhin Antipsychotika verschrieben, die massive Nebenwirkungen und ungewisse Langzeiteffekte auf das sich entwickelnde Gehirn haben.
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Wer ist drinnen, wer draußen? Die Psychiatrie tut sich oft schwer mit der Definition, was mentale Krankheit ausmacht. Dem Kino liefert das faszinierende Sujets. In dem Film "Durchgeknallt" möchte Winona Ryder nur eine Auszeit nehmen, bevor sie aufs College geht. Nach einer Überdosis Aspirin landet sie als suizidgefährdet in der geschlossenen Abteilung. (© picture-alliance / dpa)
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Möglich wurde diese Epidemie überhaupt nur, weil 1980 in dem psychiatrischen Diagnosekatalog DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) zum ersten Mal die bipolaren Störungen als Diagnose aufgenommen wurden. Das Beispiel zeigt, welche Macht dieses Buch hat, das gerne als Bibel der Psychiater bezeichnet wird, aber dennoch unterschätzt wird. Schließlich werden die zehn Gebote weitgehend ignoriert, ohne dass das unbedingt irdische Folgen hat. Außerdem wird die Bibel nicht alle 15 Jahre in einer revidierten Version aufgelegt.
Anders verhält es sich mit dem DSM-Regelwerk, das seit 1952 von der American Psychiatric Association (APA) herausgegeben wird und dessen aktuelle, vierte Version DSM-IV in der deutschen Fassung mehr als 1000 Seiten hat. Es setzt - neben dem eher praxisorientierten Konkurrenzwerk ICD-10 der WHO - weltweit die Kriterien dafür, wann ein Mensch für psychisch gestört zu erklären ist.
"Alles, was man in dieses Buch aufnimmt, jede kleine Änderung, die man macht, hat große Folgen", sagt Michael First von der Columbia University, einer der Autoren von DSM-IV. Sätze in diesem Buch entscheiden, ob die Krankenkasse eine Therapie zahlt, ob Straftäter ins Gefängnis oder in die Psychiatrie wandern, ob ein bestimmtes Sexualverhalten toleriert wird, welche Projekte an den Universitäten Drittmittel erhalten, wohin die Pharmaindustrie ihre Forschungsmilliarden lenkt und ihr Marketing. Nicht zuletzt beeinflusst der Katalog die Diskussion über die große, aber nicht wirklich gelöste Frage: Was überhaupt ist eine psychische Krankheit?
So verwundert es nicht, dass derzeit vor allem in den USA heftige Diskussionen um die anstehende, fünfte Fassung des DSM geführt werden, die im Mai 2013 erscheinen soll und dessen endgültiger Entwurf vor kurzem vorgestellt wurde. Schließlich galten auch frühere Ausgaben als Wendemarken der Psychiatriegeschichte: Es trug zur gesellschaftlichen Akzeptanz der Schwulen bei, dass die APA 1973 beschloss, Homosexualität im DSM zu streichen. Noch wichtiger war der Paradigmenwechsel, der 1980 mit DSM-III vollzogen wurde. Damals löste man sich bei den Krankheitsdiagnosen von allen Spekulationen über Ursachen, verzichtete auf theoretische Hintergründe und etablierte ein simples Checklisten-System: Freudlos seit mehr als zwei Wochen? Deutlicher Gewichtsverlust ohne Diät? Schlaflosigkeit? Psychomotorische Unruhe? Suizidideen? Na dann: Major Depression, DSM-Kennziffer 296.2x.
Dieser sachliche, rein symptomorientierte Zugang zum Psychischen war ein Befreiungsschlag, ein Fortschritt gegenüber den Orakeltechniken der damals noch dominierenden Psychoanalytiker, die mit wolkigen Begriffen jonglierten und in den Biographien ihrer Klienten stocherten. Zugleich ermöglichte die klare Diagnostik überhaupt erst eine empirisch-vergleichende psychiatrische Forschung, weil sie sicherstellte, dass Mediziner und Therapeuten ungefähr das gleiche meinten, wenn sie "Depression" sagten oder "Schizophrenie". So ist es wohl zu erklären, dass das Manual ein millionenfach verkaufter Bestseller in mehr als 20 Sprachen wurde. An diesem grundlegend neuen Konzept änderte sich auch mit DSM-IV wenig, der vierten Ausgabe des Manuals, die 1994 erschien und zuletzt 2000 leicht revidiert wurde.
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Gysi gegen Lafontaine
Zu den drei Gewalten im Staat, welche es zur Zeit der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung gab (Exekutive, Legislative, Jurisdiktion) ist schon seit langer Zeit eine vierte dazugekommen: die Medien. Das ist unserer Gesellschaftsstruktur geschuldet, in welcher man praktisch nur noch über die Medien erfährt, welche Politiker es gibt und was diese tun. Diese vierte Gewalt ist also sozusagen natürlich. Gefährlich wird sie, wenn eine Gleichschaltung erfolgt.
Wie man diesem Artikel entnimmt, gibt es aber eine fünfte Gewalt im Staat: die Psychiatrie. Sie bestimmt, wann ein Mensch für psychisch gestört erklärt wird und praktisch keine Bürgerrechte mehr hat. Sie bestimmt, was mit Straftätern passiert. Sie bestimmt, ob ein bestimmtes Sexualverhalten toleriert wird. Diese Gewalt im Staat ist aber überhaupt nicht natürlich. Die Psychiatrie ist nicht einmal eine Wissenschaft wie Physik und Chemie. Sie machte sich in den Ostblockländern zum willigen Gehilfen der Unterdrückung und ist hier oft ein williger Gehilfe des Profitstrebens der Pharma-Industrie.
Ich halte es für äußerst bedenklich, eine freiheitlich-demokratische Grundordnung mit einer solchen fünften Gewalt zu gefährden.
Na das ist doch mal wirlich ein guter Bericht. Hierzu kann man sich noch mehr Daten auf DVD besorgen: "Die Vermarktung erfundener Krankheiten" Sind wir alle psychisch krank? oder "Ein Milliardengeschäft" Gefährliche Psychopharmaka. Und das sind nicht die Einzigen. Wenn man das gesehen hat, weiß man wer hinter allem steckt und was die Absichten sind. Und wenn man weiß, kann man etwas dagegen tun un sich und seine Familie schützen.
Eigentlich sollten sie helfen Krankheiten ordentlicher zu diagnostizieren und Diagnosekriterien aufstellen. Aber das machen sie schon lange nicht mehr. Manche Pharmavertreter stellen schon die These auf, dass 30 Prozent der Menschen in Deutschland eine Depression haben, 20 Prozent ADHD, 10 Prozent Asperger, 30 Prozent Angststörungen und der Rest andere psychische Erkrankungen. Da stellt sich für mich nur noch eine Frage: Zu welcher Gruppe gehöre ich und welche Tabletten soll ich einnehmen.
Nein schwere psychische Erkrankungen haben nicht im gleichen Masse zugenommen. Wir sind heute nur zu hellhörig geworden. War vielleicht Herr Einstein ein Asperger? Möglich. Aber ein sehr erfolgreicher. Leider ist das Leben und die Psychiatrie nicht so einfach. Aber ich warne nun davor alles zu Krankheiten zu machen. Und dass eine Behandlung funktioniert ist keine Beweiss für die Krankheit. Es gibt z.B.hier in Schweden Versuche mit Gefängnisinsassen und Medikamenten gegen ADHD und man hat eine deutliche Verbesserung der Insassen gesehen, weniger Aggression usw. Aber beweisst das, dass alle Verbrecher nun eine ADHD störung haben? Nein. Die Medikamente wirken auf das Belohnungs und Wohlfühlzentrum. Und damit unspezifisch.
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Es ist nicht allgemein bekannt, dass neue "Krankheiten" ins DSM nicht durch fundierte medizinische Untersuchungen gelangen, sondern durch Abstimmung. Und da alle "Abstimmer" an mehr neuen "psychischen Krankheiten" mitverdienen kann so ein rechter Professorenarm ganz schön muskulös werden und ganz schön oft gehoben werden. Das DSM ist ein mieser Witz auf Kosten der Gesundheit der Patienten und des Geldbeutels der Gesellschaft.
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