Prozess gegen U-Bahn-Schläger Die Wurzeln der Gewalt

Die Anklage wirft den zwei Münchner U-Bahn-Schlägern versuchten Mord aus niederen Beweggründen vor. Doch solche Verbrechen haben andere Ursachen, sagen Experten.

Von Markus C. Schulte von Drach

Es war ein unglaublich brutaler Angriff, für den zwei junge Männer in München nun vor Gericht stehen. Beobachtet von Überwachungskameras, hatten die Zwei einen 76-Jährigen durch eine U-Bahn-Station gehetzt, ihn zu Boden geworfen und solange auf seinen Kopf eingetreten, bis der Schädel dreimal gebrochen war. Die beiden 17- und 20-Jährigen hatten den Rentner fast umgebracht. Vor dem brutalen Angriff hatte er sie gebeten, ihre Zigaretten auszumachen. Mehr war nicht nötig.

Was ist los mit diesen jungen Menschen? Spielt es eine Rolle, dass sie Migrantenkinder sind, wie manche Politiker andeuten? Würde es helfen, wenn das Jugendstrafrecht schon auf unter 14-Jährige angewendet würde? Sollte man sie in Bootcamps nach US-Vorbild stecken, wo sie gedrillt werden?

Solche Vorschläge ärgern Gerd Lehmkuhl. Die Verschärfung des Strafrechts und die Einrichtung von Jugendcamps wirkten weder abschreckend noch erzieherisch, betont er.

Zusammen mit drei anderen Kinder- und Jugendpsychiatern hat der Kölner Professor eine Stellungnahme zur Jugendgewalt formuliert. Darin nehmen die Fachleute kein Blatt vor den Mund. Statt populistische Forderungen zu stellen, sollten sich Politiker lieber konstruktiven Programmen zuwenden, so die Psychiater.

Schließlich gebe es längst "umfassende wissenschaftliche Ergebnisse zur Entstehung, zur Vorbeugung und zum Verlauf aggressiven und dissozialen Verhaltens". Jugendgewalt lasse sich durchaus verhindern. Aber das "erfordert ein Umdenken".

Unterstützung finden die Psychiater bei Friedrich Lösel, dem Direktor des Institute of Criminology der Universität Cambridge. "In Großbritannien sind Kinder mit zehn Jahren strafmündig. Das bringt auch nicht mehr als die Strafmündigkeit mit 14 in Deutschland", sagt Lösel, der auch Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg ist. Wer die Gesellschaft vor Jugendgewalt schützen will, muss mit der Vorbeugung früher anfangen. Viel früher.

Schläger wie die aus der Münchner U-Bahn gehören zu jenen 7,5Prozent aller Kinder und Jugendlichen, die unter behandlungsbedürftigen "Störungen des Sozialverhaltens" leiden.

Bereits früh aufsässig, impulsiv und aggressiv

Diese psychiatrischen Störungen zeichnen sich in der Regel bereits im Vor- oder Grundschulalter ab. Etwa zwei Prozent aller Kinder stellen den harten Kern jener dar, die sich langfristig zu gewalttätigen Intensivtätern entwickeln, sagt der Psychologe Wolfgang Ihle von der Universität Potsdam.

Diese Kinder sind bereits früh aufsässig, impulsiv und aggressiv. Sie schlagen, zerstören, lügen oder stehlen und haben Probleme, sich in Gruppen einzuordnen. Viele zeigen bereits mit zwei Jahren erste Symptome.

"Natürlich tritt so ein Verhalten bei vielen Kindern mal auf", sagt Lösel. Belastungssituationen wie eine Scheidung der Eltern können aggressives Verhalten hervorrufen. Auch begehen Jugendliche, die sich von den Eltern lösen und die Lust auf Autonomie und Abenteuer stillen wollen, manchmal Straftaten.

Doch "das wächst sich meist wieder aus", so der Psychologe. Zeigt sich das dissoziale Verhalten aber sowohl in der Familie und in der Schule als auch im Freundeskreis, müssen nach einem halben Jahr die Alarmglocken läuten. "Das kann bereits den Start einer kriminellen Karriere anzeigen", warnt Lösel.

Diese Erkenntnisse sind das Fazit aus etlichen internationalen Studien der vergangenen 20 Jahre. Sie zeigen auch, dass hinter einer kriminellen Entwicklung immer ein Bündel von Faktoren steckt. "Viele dieser Kinder wachsen in Familien auf, in denen Gewalt und Misshandlungen an der Tagesordnung sind und in denen sie wenig soziale Unterstützung erfahren", sagt Gerd Lehmkuhl. Häufig kommt Stress hinzu, Alkoholismus der Eltern und eine launische Erziehung, die die Gefühle des Kindes vernachlässigt. Bei den Betroffenen entwickelt sich ein negatives Selbstbild und ein geringes Vermögen, Probleme zu lösen.

"Wenn die Eltern keine stabile emotionale Bindung zu ihren Kindern aufbauen, haben die Kinder Probleme, in Kindergarten und Schule positive Kontakte zu knüpfen", sagt der Psychiater. Sie erleben Ablehnung und Frustration. Gewalt und Vernachlässigung wirken sich zudem negativ auf die Entwicklung des Gehirns aus. Mangelnde geistige und emotionale Fähigkeiten sind die Folge.

Die Experten gehen heute auch davon aus, dass eine Neigung zur Aggression teilweise vererbt sein kann. Damit sie sich bemerkbar macht, müssen allerdings nachteilige soziale Faktoren hinzukommen.