Protest auf Klimakonferenz Fasten bis zur Antwort für die Leidtragenden

Nur Wasser und Tee nimmt Naderev Sano von den Philippinen zu sich.

Der Delegierte der Philippinen fastet auf der Klimakonferenz gegen die drohende Erosion der bisherigen Klimaziele. Er wolle verhindern, dass Taifune wie "Haiyan" zur Normalität werden, und fordert deshalb von den Industriestaaten eine direkte Haftung für Klimafolgen.

Von Michael Bauchmüller, Warschau

Die Kiste, die Naderev Sano da in Händen hält, scheint sehr schwer zu sein, so gebeugt steht er da. Dabei ist die Kiste leer, nur ein Symbol für 605.347 Unterstützer Sanos. Ein Symbol, wie Sano inzwischen selbst eines ist. Vorige Woche ist der Delegierte der Philippinen auf der Klimakonferenz in Warschau in einen Fastenstreik getreten. Er wolle eine Zukunft nicht hinnehmen, in der Supertaifune wie Haiyan Teil des normalen Lebens seien, sagte er zu Beginn des Treffens.

Seit zehn Tagen ernährt er sich nun nur noch von Wasser und Tee. "Aber ich habe Kraft", sagt Sano, den hier alle nur noch bei seinem Spitznamen "Yeb" rufen. "Ich fühle mich sehr stark heute." Hunderte Menschen fasten mittlerweile mit ihm in Warschau, Tausende weltweit. Derweil haben Umweltaktivisten jene 605.347 Unterschriften zusammengetragen, die Yeb nun stützen, per Eilaktion im Internet. Die Solidarität, sagt Yeb mit dünner Stimme, helfe ihm und seinem Volk.

Die Kraft wird er allerdings auch brauchen, denn fasten will er, bis die Konferenz zu einem ordentlichen Ergebnis gekommen ist. "Und das heißt: Klarheit über Finanzmittel und Klimaziele, ein Mechanismus zum Ausgleich von Klimafolgen." Klingt einfach, wirkt aber zu Beginn der entscheidenden Verhandlungen in Warschau unendlich weit weg. So soll die Konferenz eigentlich Wege finden, schon in den nächsten Jahren den Ausstoß von Treibhausgasen zu vermindern - und nicht erst 2020, wenn ein neues Abkommen in Kraft treten könnte.

Doch seit Japan seine bisherigen Klimaziele gesenkt hat, läuft die Debatte in die entgegengesetzte Richtung: Nun geht es weniger um neue, höhere Klimaziele als um die drohende Erosion der bisherigen. An der Seite Japans kämpft dabei mit Verve die neue australische Regierung, die vom Klimaschutz offenbar nicht viel hält. "Australien tritt hier auf wie eine Abordnung der amerikanischen Tea Party", sagt Christoph Bals, der für Germanwatch die Verhandlungen verfolgt. Klimaskeptiker applaudieren.

Yeb plädiert für eine direkte Haftung der Industriestaaten

Nicht besser sieht es beim Geld aus. Bis 2020 soll der globale Klimaschutzfonds, der Green Climate Fund, auf 100 Milliarden Dollar anwachsen. Doch die Finanzzusagen sind bisher mau, und wie dieses Geld je zusammenkommen soll, das ist derzeit Gegenstand langer Sitzungen. Ergebnisse aber sind nicht in Sicht. Zahlen müssten jetzt rasch auf den Tisch, verlangte Oxfam-Chefin Winnie Byanyima am Montag in Warschau. "Wirtschaftlich schwierige Zeiten sollten keine Entschuldigung für das Nicht-Handeln von Regierungen sein." Nur bewegt sich eben bisher nichts.

Bliebe noch jener Punkt, der dem fastenden Delegierten Yeb am meisten am Herzen liegt: ein Mechanismus zur Bewältigung von Klimaschäden. "Loss and damage" heißt das in der nüchternen Sprache der Verhandler, Verlust und Schaden. In Warschau müsste ein entsprechender Mechanismus vereinbart werden, so hatten sich das die Staaten im vorigen Jahr in Doha fest vorgenommen. Denkbar, sagt Yeb, sei ein Mechanismus, der die Risiken des Klimawandels auch den Industriestaaten anlastet, nicht mehr allein den Katastrophenregionen.

Die Idee: Würden abermals Stürme Land verwüsten, Dürren das Vieh sterben lassen oder Starkregen Ernten zerstören, müssten nicht mehr nur die Betroffenen dafür zahlen - sondern auch jene Staaten, die für den größten Teil der Treibhausgaskonzentration Verantwortung tragen. Und genau hier beginnt das Problem.

Denn bisher sträuben sich die Industriestaaten, auch Deutschland, gegen jede direkte Haftung für Schäden - sie befürchten unkalkulierbare finanzielle Risiken. Ein Vorbehalt, der bei den betroffenen Staaten gar nicht gut ankommt. Sie wollen verhindern, dass die Zusagen aus dem vorigen Jahr stillschweigend wieder kassiert werden. "Wir verhandeln noch", sagt Diplomat Yeb. Und solange wird eben gefastet.

Schon haben sich kirchliche Netzwerke der Fastenaktion angeschlossen, nach einem Treffen mit Yeb. "Er hat es geschafft, eine Brücke zwischen der realen Welt und der Politik herzustellen", sagt Thomas Hirsch von Brot für die Welt. "Ein Klimagipfel, der mit dem Desaster auf den Philippinen begonnen hat, kann nicht ohne eine Antwort für die Leidtragenden des Klimawandels enden." Zumal die Heimkehr nach Manila dann für Yeb noch unangenehmer werden könnte, als sie so schon sein dürfte. Den Segen seiner Regierung hat der Diplomat nämlich nicht für seine Aktion.