Privater Waffenbesitz Mehr Schusswaffen, mehr Opfer

Die meisten US-Bürger wollen nicht auf ihr Recht auf persönliche Schusswaffen verzichten. Doch Feuerwaffen im Privatbesitz erhöhen nicht die Sicherheit, sondern führen zu mehr Mord und Totschlag.

Von Markus C. Schulte von Drach

Der Massenmörder von Blacksburg, so erklärte die US-Waffenlobby NRA nach dem Amoklauf, hätte aufgehalten werden können, wenn die Hochschule der Stadt keine waffenfreie Zone gewesen wäre. Ein Student oder Professor hätte den Amokläufer gewaltsam aufhalten können.

Man stelle sich das Bild einmal vor: Ein Amokläufer holt auf dem Campus eine Schusswaffe heraus und beginnt, wild um sich zu schießen. Alle Studenten um ihn herum ziehen ebenfalls ihre Waffen und versuchen, den Täter aufzuhalten. Aber wer von all den Leuten, die plötzlich Pistolen und Gewehre in der Hand halten, ist der Amokläufer? Wen soll ich erschießen?

Eine realistische Möglichkeit, Amokläufer aufzuhalten, hat die NRA da nicht angeboten. Eine andere Überlegung ist die, den Zugang zu Waffen zu erschweren. Der republikanische Senator John McCain, immerhin ein Präsidentschaftskandidat, erklärte, man müsse lediglich sicherstellen, dass die Waffen nicht in die Hände von "schlechten Menschen" fielen.

Offenbar hält McCain es für leicht, potentielle Amokläufer und Mörder vor dem Waffenerwerb zu erkennen. Sind demnach die Waffenverkäufer in der Verantwortung, die einem Kunden an der Nasenspitze ansehen müssten, ob die von wahnsinnigen Rachegelüsten getrieben werden oder eine Bank überfallen wollen?

Vergleich aller US-Bundesstaaten

Eine realistischere Möglichkeit, die Zahl der durch Schusswaffen getöteten Menschen in den USA zu verringern, ist es dagegen, die Zahl der Schusswaffen im Privatbesitz zu reduzieren. Das zeigte erst kürzlich wieder eine Studie von Wissenschaftlern der Harvard University in Boston.

Mehr als 200 Millionen Schusswaffen sind in den USA in Privatbesitz. Zwei von drei Mord- oder Totschlagsopfern in den USA sind Kugeln zum Opfer gefallen. Jedes Jahr sind das mehr als 11.000 Menschen. Doch nicht in jedem Bundesstaat ist die Zahl der Todesopfer im Verhältnis zur Bevölkerung die gleiche.

Wie das Team um Matthew Miller vom Injury Control Research Center der Harvard School of Public Health im Februar berichtete, ist die Rate der Fälle von Mord und Totschlag in den US-Bundesstaaten umso größer, je mehr Haushalte im Besitz von Feuerwaffen sind (Social Science & Medicine, Bd. 64, S.656, 2007).

Die Forscher hatten bei insgesamt 200.000 Haushalten in allen 50 Bundesstaaten nachgefragt, ob Schusswaffen zur Verfügung stünden. Im nationalen Durchschnitt traf dies in etwa jedem dritten Fall zu.

Dann überprüften Miller und seine Kollegen die Häufigkeit der jeweiligen Opfer von Schusswaffen in den einzelnen Bundesstaaten.

Der nicht überraschende Schluss der Forscher: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass potentielle Mörder dort leichter an Schusswaffen kommen, wo sie stärker verbreitet sind.

"In den Vereinigten Staaten", so erklärte Miller mit der Wissenschaftlern eigenen Vorsicht, "könnten die Schusswaffen im Haushalt eine bedeutende Quelle der Schusswaffen darstellen, mit denen Kinder, Frauen und Männer sowohl auf der Straße als auch daheim getötet werden".

Weniger Schusswaffen - weniger Selbstmorde

Das Gleiche, so fanden die Wissenschaftler heraus, gilt übrigens auch für Selbstmorde: "Wo mehr Schusswaffen sind, gibt es mehr Suizide", so Miller. In den 15 Bundesstaaten mit den meisten Haushalten mit Feuerwaffen töteten doppelt so viele Menschen sich selbst wie in den sechs Bundesstaaten mit den wenigsten Schusswaffen (Journal of Trauma, Bd. 62, S.1029, 2007).

Der Schluss der Forscher: Weniger Menschen werden von eigener Hand sterben, wenn sie zu Hause keine Schusswaffen haben.

Bereits vor einigen Jahren hatte Miller mit einem Kollegen eine ähnliche Studie veröffentlicht, für die sie allerdings Zahlen aus mehr als 20 Industrienationen verglichen hatten. Das Ergebnis der internationalen Studie war im Prinzip das gleiche wie für die US-Bundesstaaten: Wo mehr Schusswaffen - da mehr Mord- und Totschlagsopfer (Journal of Trauma, Bd. 49, S. 985, 2000)

Unterstützung erhalten die amerikanischen Forscher jetzt von Kollegen aus Brasilien. Wie Maria de Fátima Marinho de Souza und ihre Kollegen von der Universität von Sao Paulo im Fachmagazin Health Affairs (Bd. 26, S. 575, 2007) berichten, lag die Zahl der Todesopfer von Schusswaffen in Brasilien im Jahr 2004 im Vergleich zum Vorjahr um acht Prozent niedriger. 2003 hatte die Regierung strengere Waffengesetze erlassen und im Sommer 2004 eine Kampagne zur Entwaffnung der Zivilbevölkerung gestartet.

Auch wenn acht Prozent nach wenig aussieht - zum einen sind Waffen in Brasilien trotz der Maßnahmen noch immer sehr verbreitet, zum anderen sind im Jahr 2004 demnach immerhin 5563 Menschen weniger durch Kugeln ums Leben gekommen.

Bürgerrechte hin oder her - der Wunsch, sich mit Waffengewalt wehren zu können, führt offenbar letztlich dazu, dass mehr Menschen durch Schusswaffen sterben, als wenn der private Waffenbesitz verboten oder streng reguliert wäre.