Präimplantationsdiagnostik "Kranke verdienen unsere Unterstützung, Krankheit nicht"

Gegner der Präimplantationsdiagnostik wollen Leben schützen, welches sich "Gott verdankt", sprechen der befruchteten Eizelle Menschenwürde zu und befürchten die Diskriminierung Behinderter. Doch nach Ansicht von Ethikexperten und Juristen sind viele ihrer Argumente weltanschaulich begründet. Sie sollten den PID-Befürwortern ihre Sichtweise deshalb nicht gesetzlich aufzwingen.

Von Markus C. Schulte von Drach

Wenn über die Präimplantationsdiagnostik debattiert wird, pflegen selbst erbitterte politische Gegner im Bundestag einen rücksichtsvollen Umgang miteinander. Denn sogar innerhalb der einzelnen Fraktionen stoßen unterschiedliche Meinungen aufeinander.

Die Entscheidung für einen der Gesetzentwürfe zu Gentests an künstlich erzeugten Embryos fällt vielen sogar so schwer, dass sich kurz vor der Abstimmung im Bundestag am heutigen Donnerstag noch immer fast 200 Mitglieder des Bundestags nicht erklärt hatten.

Drei Gesetzentwürfe stehen zur Abstimmung.

[] Verbot mit Ausnahmen: nur nicht lebensfähige Embryos dürfen ausgesondert werden.

[] Begrenzte Zulassung: Embryos mit schweren Erbkrankheiten dürfen identifiziert und ausgesondert werden.

[] Verbot der PID.

Das Thema ist offenbar äußerst heikel. Es geht um die Frage: Dürfen Paare sich entscheiden, künstlich befruchtete Eizellen, aus denen sich vermutlich ein Kind mit einer bestimmten Krankheit entwickeln würde, der Frau NICHT einzupflanzen? Betroffen sind Menschen, die den beschwerlichen Weg der künstlichen Befruchtung gehen wollen, da eine natürliche Schwangerschaft aussichtslos ist oder ein hohes Risiko besteht, ein krankes oder nicht lebensfähiges Kind zu bekommen. Bevor befruchtete Eizellen in die Gebärmutter der Frau eingesetzt werden, prüft man, ob in dem Embryo genetische Defekte vorliegen. Ist dies der Fall, verzichtet man darauf, ihn einzusetzen.

Insbesondere die PID-Gegner sehen fundamentale Werte bedroht. Von der Würde des Embryos ist die Rede; vom Schutz des Lebens an sich; von der drohenden Auslese von Geschöpfen, die als lebensunwert beurteilt würden. Behinderte fürchten Diskriminierung. Und manche Gläubige weisen darauf hin, dass der Mensch nicht sein eigener Schöpfer sei, "sondern dass sich alles Leben Gott verdankt", wie etwa der Rat der Evangelischen Kirche feststellt.

Was in diesem Zusammenhang selten angesprochen wird, ist die Frage, um was es sich bei diesen Eizellen aus biologischer Sicht handelt: Wenn bei der natürlichen Befruchtung eine Samenzelle und eine Eizelle verschmelzen, dann mischen sich Teile des Erbguts von Mutter und Vater. Jedes Mal ist es eine andere, einzigartige Kombination von Genen, die die Grundlage für die mögliche Entwicklung eines Menschen legen. Doch das ist zuerst einmal eine rein theoretische Entwicklung.

Das wird insbesondere daran deutlich, dass zwei von drei dieser Embryos sich gar nicht erst in der Gebärmutter einnisten. Etliche weitere Embryos sterben aufgrund von nachteiligen Genmutationen oder Chromosomenabweichungen ab.

Eine Entscheidung darüber, welches menschliche Leben sich entwickeln darf und welches nicht, wird also von der Natur ständig getroffen - und die Antwort fällt häufiger negativ aus als positiv. Weder auf eine Würde des Embryos nimmt sie Rücksicht, noch darauf, dass es sich vielleicht um Geschöpfe eines Gottes handelt. Es ist vielmehr eine Sache der Umstände, des Zufalls und der Funktionsfähigkeit des Genoms, ob aus der Eizelle, in der die Gene sich befinden, ein Embryo wird, der etliche Zeit später die Fähigkeit zu Empfindungen, Wahrnehmungen und einem Selbstbewusstsein entwickeln kann.

Der Staatsrechtler Bernhard Schlink wirft deshalb PID-Kritikern vor, einen doppelten Maßstab anzulegen: Sie wollten künstlich erzeugte Eizellen viel stärker schützen als natürlich befruchtete. Für den früheren Juraprofessor macht das keinen Sinn, wie er bei einer Diskussionsveranstaltung der Humboldt-Universität in Berlin deutlich machte.

Der Eingriff, den genetisch vorbelastete Eltern sich im Rahmen der PID wünschen, soll dagegen dem Leben eine Chance geben, die es sonst kaum hätte: Anstelle wiederholter, belastender Schwangerschaften mit einem großen Risiko von Fehl- oder Totgeburten oder der Geburt eines schwerbehinderten Kindes werden einige Eizellen künstlich befruchtet. Nach einer Untersuchung werden der Frau nur solche Embyros eingesetzt, die voraussichtlich zu einer erfolgreichen Schwangerschaft und einem gesunden Kind führen können.