"Bunte Fassade", nennt Pääbo das, denn die Unterschiede seien alle oberflächlich und nur dort anzutreffen, wo der Körper mit der Umwelt interagiert: bei Haarfarbe und -struktur, bei Gesichtszügen oder Verdauung. "An Leber, Niere oder Herz lassen sich keine Unterschiede feststellen."
Kleinste Knochenteile reichen aus, um die DNS des Neandertalers zu gewinnen. (© Foto: onnovate)
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Interessant wäre es, meint Pääbo, wenn der Neandertaler noch leben würde - ein Zwischending zwischen Mensch und Tier. Gäbe es dann einen noch schlimmeren Rassismus als heute unter den Menschen? Oder würde der Mensch einsehen, dass es einfach erschiedene Formen des Lebens gibt?
Die Geschichte des Menschen zu erforschen, das faszinierte Svante Pääbo schon als Jugendlicher. "Ich wollte immer Ägyptologe werden", erzählt er. "Aber als ich dann anfing, Ägyptologie zu studieren, stellte ich fest, dass meine Vorstellungen wohl etwas zu romantisch waren." Statt mit Grabungen und Goldschätzen sollte er sich mit Hieroglyphen und koptischer Sprache beschäftigen.
Dann lieber Medizin, sagte sich der junge Student, "da kriegst du wenigstens einen Job." Bis zur Doktorarbeit über Viren und das Immunsystem ließ ihn die alte Leidenschaft ruhen. Doch dann lockten ihn doch die Mumien im Museum von Uppsala. Heimlich begann er nachts mit deren DNS zu experimentieren, ohne dass sein Doktorvater davon wusste.
"Der Gedanke lag ja nicht so fern, aber bis dahin hatte das niemand versucht." Über seinen Ägyptologie-Professor bekam er auch Mumien-Material aus dem Pergamon-Museum in Ostberlin. Tatsächlich erschienen die Ergebnisse der Experimente deshalb auch zuerst in der DDR-Zeitschrift "Das Altertum", nur nahm sie niemand zur Kenntnis.
Erst als Pääbos Forschungsarbeit 1985 auf dem Titel von "Nature" erschien und ihm internationalen Ruhm einbrachte, reagierte auch die DDR: "Sie haben die Arbeit als antisozialistische Propaganda deklariert und es wurde unmöglich, noch mehr Proben zu bekommen."
Für den jungen Forscher ebneten diese ersten Erfolge den Weg in die USA. Er schloss sich als Postdoc einem Team der Universität von Berkeley an, die mit einer ganz neuen Methode arbeitete, - der Polymerase-Kettenreaktion PCR, mit der sich winzige DNSTeilchen im Reagenzglas vermehren ließen.
Es dauerte nicht lange, bis es Pääbo gelang, mit Hilfe der PCR-Methode für die nächste wissenschaftliche Sensation zu sorgen: Er entschlüsselte als Erster das Erbmaterial eines ausgestorbenen Tieres. Der australische Beutelwolf, ein Känguru-ähnliches Tier, musste daraufhin im Stammbaum neu eingeordnet werden.
Und Svante Pääbo wurde zum Shooting-Star der Anthropologie. Als er 35 Jahre war, bot ihm die Universität München eine volle C4 Professur an, obwohl er sich nur für eine C3 Stelle beworben hatte. Natürlich akzeptierte er. "Das war das größte Glück meiner Karriere", sagt er heute. "In Schweden hätte ich höchstens eine Assistenzstelle bekommen."
Außerdem zog es ihn nach Europa zurück. "Die Zeit in der San Francisco Bay Area war supertoll, aber irgendwo in Texas alt zu werden, das konnte ich mir doch nicht vorstellen." Dann schon lieber in Leipzig? Ja, Leipzig sei eine unglaublich spannende Stadt, sagt Pääbo. Deshalb zögerte er nicht, als er 1999 als Leiter der Abteilung evolutionäre Genetik hierher berufen wurde. In München hatte er sich mit der Entstehung von Säugetieren beschäftigt und auf diesem Gebiet ganz neue Erkenntnisse geliefert.
"Aber München ist so fertig und so reich, Leipzig ist viel dynamischer", schwärmt er von seiner neuen Heimat. Allein der Deutsche Platz: früher Ruinenfeld, heute Wissenschaftszentrum mit MPI, Fraunhofer Institut und Biozentrum der Universität. Dazu noch aufgeschlossene Menschen, erschwingliche Wohnungen, viele Kindergärten - wenn es Leute gibt, die Probleme sehen, dann kämen die aus dem Westen, hat Pääbo festgestellt.
"Die können die Unterschiede nicht als Bereicherung sehen." Er selbst hat vor einigen Jahren ein altes Haus mit sechs Wohnungen aus der Gründerzeit gekauft. Darin lebt er in einer Hausgemeinschaft mit sieben Erwachsenen und vier Kinder, darunter seine amerikanische Frau Linda, die auch im Institut arbeitet, und Sohn Rune, 10 Monate alt.
"Svante hat immer alles anders gemacht als wir", soll ein schwedischer Freund in seiner Rede zu Pääbos 50. Geburtstag gesagt haben. "Als wir Revolution machten, war er konservativ.
Jetzt werden wir alt, während er eine Familie gründet und in einer Wohngemeinschaft lebt." In der Mittagspause kommen Linda und Rune vorbei. Tatsächlich habe Rune sein Leben total verändert. Klettern im Elbsandsteingebirge, Skilaufen in den Bergen? "Alles vorbei", lacht er.
Stattdessen konnte er seinem Sohn beim laufen lernen zusehen. Sprechen kann der Kleine noch nicht - was womöglich daran liegt, dass er englisch, schwedisch und deutsch zugleich lernen soll - dafür beherrscht er in seinem zarten Alter bereits die 3-Wege-Kommunikation. "Wussten Sie, dass nur Menschen das können?"
Ehrlich gesagt: darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. " Affen kennen nur Geben und Nehmen," fährt Pääbo fort, "aber Menschen können sich gemeinsam über etwas Drittes verständigen."
So freut sich der Sohn, wenn es ihm gelingt, Papas Aufmerksamkeit auf eine Lampe zu lenken. Einfach nur so. Und es sind solche kognitiven Fähigkeiten, die den Menschen einzigartig machen.Wir erfinden den Kühlschrank nicht in jeder Generation neu, sondern bauen auf das Wissen unserer Vorfahren auf.
Wir können unabhängig vom Klima in allen Teilen der Welt leben. Der moderne Mensch überquerte Wasser, ohne Land auf der anderen Seite zu sehen. "Ein Verrückter", meint Pääbo. "Während der Neandertaler zwei Millionen Jahre in Afrika und Europa festsaß, besiedelte unser Vorfahr in weniger als 100.000 Jahren noch die letzte Insel in Polynesien." Für dieses Verhalten gibt es eine genetische Grundlage.
Ein Gerüst, ohne das man sich menschliche Kultur nicht vorstellen kann. "Wie sich diese Kultur dann entwickelt, ist keine genetische Sache."
Glaubt ein Evolutions-Forscher an die Schöpfung? "Glauben ist eine persönliche Erfahrung, die wissenschaftlich nicht fassbar ist", antwortet Pääbo. Mit einem fundamentalistischen Mitarbeiter sei er einmal übereingekommen, die Evolution als großen Plan Gottes zu sehen. "In meinem alltäglichen Leben denke ich sehr rational. Wenn ich aber konfrontiert bin mit existentiellen Dingen, mit Krankheit, Tod oder Geburt, dann bin ich schon geneigt zu sagen, es gibt Sachen, die wir nicht verstehen."
Und was ist sein aktuelles Ziel? Weiterhin möglichst viel Licht ins Dunkel unserer Vergangenheit zu bringen. "Wir haben jetzt eine Million Basenpaare vom Neandertaler-Genom analysiert, das sind 0,1 Prozent." Zwei Jahre und noch schätzungsweise 15 Millionen Euro sind nötig, um das Projekt zu vollenden. Dass Svante Pääbo dafür der richtige Mann ist, bezweifeln seine Kollegen nicht.
"Seine Forschung hat monumental zu unserem Verständnis der menschlichen Evolution beigetragen", lobt ihn Richard Klein, Anthropologe an der Stanford University. "Sein Team ist unübertroffen und wenn es einen Nobelpreis für Anthropologie gäbe, würde Svante ihn gewinnen."
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(innovate 05/2006)
Demonstrationen in Hamburg