Polonium in Zigaretten Müll in der Kippe

SZ: Sind das nicht nur Beistoffe?

Proctor: Die durchschnittliche Zigarette enthält ungefähr zehn Milligramm Teer. Jedes Jahr werden 5,7 Billionen Zigaretten geraucht, mit denen man eine Kette von der Erde zur Sonne und zurück mit einem Umweg zum Mars bilden könnte. Das bedeutet, dass Raucher jedes Jahr ungefähr 57 Millionen Kilogramm Teer einatmen. Das ist genug, um 5700 Eisenbahnwaggons bis zum Rand mit jeweils zehn Tonnen Teer zu füllen.

Oder nehmen Sie das Arsen - die durchschnittliche Zigarette enthält 0,2 Milligramm von diesem tödlichen Gift. Das heißt, dass Raucher jedes Jahr weltweit eine Million Kilogramm Arsen einatmen. Das Gleiche gilt für Zyanid, von dem Raucher jährlich auch ungefähr eine Million Kilogramm einatmen. Deswegen verwundert es einen nicht, dass Zigaretten die weltweit größte Ursache für vermeidbaren Tod sind. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass Tabak bis zum Jahr 2020 jedes Jahr ungefähr zehn Millionen Menschen töten wird. Ein Drittel davon in China. Im 20. Jahrhundert haben Zigaretten rund 100 Millionen Menschen getötet, und wenn sich nichts dramatisch ändert werden sie in diesem Jahrhundert rund eine Milliarde töten.

SZ: Sie haben als Experte bei einigen Prozessen gegen die Tabakindustrie ausgesagt. Wie ausgeklügelt sind denn die Methoden, Informationen dieser Art zu verbergen?

Proctor: Noch viel ausgeklügelter, als Sie sich das wahrscheinlich vorstellen. Ich werde normalerweise als Experte bestellt, der festzustellen hat, wer was wann wusste. Ich gebe also Gutachten ab, wann bestimmte Tabakgefahren in der wissenschaftlichen Gemeinde und in der Öffentlichkeit bekannt waren. Die Tabakindustrie gewinnt ja die meisten ihrer Fälle, weil sie behauptet, dass "jeder immer schon gewusst" habe, dass Rauchen schlecht für einen ist, deswegen hätten sich Raucher ihre Krankheit selbst zuzuschreiben. Raucher seien ja stets "ausreichend gewarnt" worden.

SZ: Das scheint aber nicht gut zu funktionieren. Dass Zigaretten radioaktive Stoffe enthalten, ist auch heute noch kein Algemeinwissen.

Proctor: Genauso wie kaum jemand weiß, was sonst noch für Müll im Tabak ist und was der im Körper bewirkt. Wie viele Leute wissen zum Beispiel, dass Tabak Blasen- und Brustkrebs verursachen kann? Wie viele wissen, dass Rauchen die führende Ursache für Erblindungen ist, oder dass Filter Weichmacher in den Lungen freisetzen? Wer wusste schon, dass Filter der Marke Kent Millionen Fasern von Crocidolite-Asbest enthielten?

Die Tabakindustrie redet sich immer auf Allgemeinwissen heraus, dabei müssen wir eher allgemeines Unwissen konstatieren. Die Tabakindustrie hat die Realität dieser Leiden immer bestritten, oder verlangt, dass mehr geforscht wird. Das ist reine Ablenkungsforschung. Wir untersuchen in Stanford inzwischen, wie Unwissen hergestellt wird. Es ist eine Kunst - wir nennen sie Agnotologie.