Politik und Wissenschaft Forscher, auf die Barrikaden!

Überall in den USA demonstrieren besorgte Menschen. Auch Wissenschaftler planen einen großen Protestmarsch.

(Foto: AFP)

Seit Trump gibt es zum politischen Aufstand der Wissenschaft keine Alternative. Viel zu lange haben sich Gelehrte und Professoren in ihrer akademischen Blase versteckt.

Kommentar von Kathrin Zinkant

Für Michael Eisen ist das Maß voll. Der Genetiker geht in die Politik. Obwohl er einen Lehrstuhl an der University of California in Berkeley innehat, mit Forschungsprojekten, die stetig vorangetrieben werden müssten, wird Eisen nun für den US-Senat kandidieren. Dass er für den Job geeignet ist, bezweifelt er selbst. Aber er findet, es muss sein.

Muss es das? Müssen Forscher die Weltpolitik retten - obwohl sie vom politischen Geschäft keine Ahnung haben? Fest steht: Michael Eisen ist nicht allein. Jetzt, da die neue Regierung der USA den Klimawandel, die Evolution und die Internationalität der Wissenschaft infrage stellt, beginnen sich Forscher allerorts zu politisieren. Am 22. April, dem Tag der Erde, werden sie in weltweit 100 Städten auf Science Marches demonstrieren - in Washington, Paris, London. In München, Berlin, Dresden. Für alternativlose Fakten, für wissenschaftliche Evidenz, für Wahrheit in der Politik.

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Viel zu lange haben sich Forscher und Gelehrte in der akademischen Blase versteckt

Man kann diesen Aufbruch naiv finden. Fakten werden in der Politik schon lange bestritten, um Meinungsblasen zu bedienen und Wählerstimmen zu sammeln. Insbesondere die Grünen beherrschen diese Technik. Man kann den Aufruhr auch für gefährlich halten. Der Küstengeologe Robert Young hat in der New York Times geschrieben, die Science Marches seien "eine schlechte Idee", weil Aufmerksamkeit bloß Widerstand schüre. Al Gores Dokumentation zum Klimawandel, "Eine unbequeme Wahrheit", habe den Forschern deshalb mehr geschadet als genutzt. Aber ist das Grund genug, weiter still zu halten?

Im Gegenteil. Es ist Zeit, aus dem eigenen Phlegma eine Lehre zu ziehen: Genauso wenig, wie es zu Fakten eine Alternative gibt, so wenig gibt es zum politische Aufstand der Wissenschaft eine. Viel zu lange haben sich Forscher, Gelehrte, Professoren in ihren Labors und in der akademischen Blase versteckt. Viel zu lange haben sie schweigend gewartet, bis sie von einer Regierung oder einem Ausschuss gnädig befragt wurden. Um dann ohnmächtig zuzusehen, wie Informationen verdreht und für Machtkämpfe missbraucht wurden.

Vor allem Naturwissenschaftler liefern kein intellektuelles Beiwerk, sie zelebrieren auch keine elitären Denkspiele fern von der Lebensrealität der Menschen. Ihre Forschung ist das Fundament der menschlichen Zukunft - und ein bedeutendes Stück Kultur. Nie war das offenkundiger als jetzt. Und deshalb heißt es: auf die Barrikaden! Selbst wenn es unbequem oder sogar hässlich wird.

Das bedeutet nicht, dass jeder Biologe oder Astronom nun in die Parlamente ziehen soll. Es heißt auch nicht, dass jeder Forscher sich unentwegt auf Demos herumtreiben muss. Aber präsent zu sein, die Stimme zu erheben, und damit nicht zu warten, bis man gefragt wird oder die Bundesministerin für Bildung und Forschung einmal zum Leben erwacht und sich einsetzt - das ist wirklich überfällig.

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