Ein Junge ohne Nase, ein Skifahrer mit einem Zweig im Kopf, ein Kind mit wuchernden Schädelknochen: Ein Mediziner in Basel hilft entstellten Menschen mit individualisierten Methoden.
Der Kinderschädel sieht verblüffend echt aus, aber er ist aus durchsichtigem gelben Kunstharz. Ein naturgetreues dreidimensionales Modell des knöchernen Kopfes, das der Mediziner Hans-Florian Zeilhofer in der Hand hält.
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Eine virtuelle Aufnahme zeigt den Schädel des Jungen Vedran, dessen Knochen unkontrolliert wuchsen. (© Computersimulation: HFZ)
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"Dieser Junge ist ohne Nase geboren worden", sagt er. Er dreht das Objekt und fasst behutsam hinein, tastet nach den Vertiefungen der Nebenhöhlen: "Da innen sehen Sie, dass im Ansatz alles für die Nase angelegt ist, aber sie fehlt. Ein Irrtum der Natur, durch den das Wachstum an dieser Stelle im embryonalen Stadium stehengeblieben ist. Wir müssen nun den Körper dazu anregen, die Nase nachträglich aufzubauen!"
Zeilhofer, ein gebürtiger Bayer, leitet das weltweit einzigartige Hightech-Forschungs-Zentrum für wiederherstellende Chirurgie (HFZ) an der Universität Basel, und er ist Leiter eines interdisziplinären Forschungsschwerpunkts für chirurgische Technologien. Mit einem Team von 150 Ärzten, Mathematikern, Informatikern und Ingenieuren erarbeitet er bahnbrechende Methoden für komplizierte chirurgische Eingriffe.
Seine Patienten haben Gesichter, die durch Genschäden, Krankheiten oder Unfälle entstellt sind, und sie kommen aus der ganzen Welt. Der fünfjährige Junge zum Beispiel ist aus Mali, und die Vorbereitungen für seine Operation dauerten über ein Jahr. Vor wenigen Wochen wurde der Eingriff vorgenommen, jetzt wächst tatsächlich eine Nase im Kindergesicht.
"Wir haben dem Kind in den Nasenansatz ein Gerät eingesetzt, das durch langsames Auseinanderziehen der Knochenstümpfe das Wachstum stimuliert. Dieser Apparat wurde in unserem Forschungszentrum von einem Team aus Ingenieuren, Mathematikern, Informatikern und Chirurgen anhand dreidimensionaler Computerdarstellungen entwickelt und am Kunstkopf getestet", sagt Zeilhofer.
Ungewöhnliche Blickwinkel
Die zarten Ansätze des Nasenbeins sollen vorsichtig gedehnt und dabei nach außen aufgefaltet werden: "Das hat vor uns noch nie jemand gemacht." Hinter dieser Arbeit steht mindestens genauso viel technisches wie medizinisches Wissen, plus die Erfahrung aus dem jahrelangen Training im Operationssaal, aber auch Intuition und Offenheit für neue Impulse.
Die holt sich Zeilhofer auch außerhalb seines eigenen Fachgebiets: "Gesicht und Identität" heißt ein Forschungsprojekt, an dem sich auch bildende Künstler, Musiker und Philosophen beteiligen. Ungewöhnliche Blickwinkel sind wichtig in der plastischen Gesichtschirurgie.
Virtuelle Visualisierungsverfahren können dabei eine große Hilfe sein, das bewies zum Beispiel der Sturz eines Skifahrers im vergangenen Jahr. Mit einer kleinen Verletzung im Gesicht kam der 49-Jährige im Februar in die Uniklinik. Er war neben der Piste im Wald gestürzt, und als er sich wieder aufrappelte, steckte ein Stück eines Astes in einer kleinen Wunde unterhalb des Jochbeins.
Das hatte der Sportler ohne Probleme herausgezogen, und die Wunde hörte auf zu bluten. Die Röntgenaufnahmen aus der örtlichen Klinik zeigten keine weiteren Verletzungen. Doch dann traten plötzlich Schluckbeschwerden auf, und der Patient klagte, er könne seinen Kopf "irgendwie nicht richtig drehen".
Die Überweisung an das Unispital Basel war Rettung in letzter Sekunde. Obwohl auch die Schichtbilder eines Computertomographen unauffällig erschienen, gelang es einem Informatiker aus Zeilhofers Team, aus den digitalen Bilddaten verschiedenster Aufnahmeverfahren abweichende Strukturen herauszurechnen und auf dem Bildschirm darzustellen.
Und siehe da: Im Kopf des Skifahrers steckte ein fast 20 Zentimeter langer Zweig. Der hatte sich bei dem Zusammenstoß durch die Kieferhöhle gebohrt, war nur wenige Millimeter an der Halsschlagader vorbeigeschrammt und hinten im Nacken kurz vor dem Rückenmarkskanal steckengeblieben, gebremst nur durch einen Wirbelfortsatz.
Um ein Haar wäre der Skifahrer verblutet oder vom Hals abwärts gelähmt gewesen. Die Computersimulation rettete ihm das Leben und ermöglichte eine passgenaue Operation: "Ich hab den Patienten bei der Nachkontrolle gesehen", Zeilhofer lächelt zufrieden. "Es geht ihm heute bestens."
Im Büro des polnischen Mathematikers Zdzislaw Król rotiert der Schädel dieses Patienten in verschiedenen Darstellungen auf mehreren Bildschirmen. Mal treten die Schädelknochen hervor, so dass der Bruch des Deckels der Kieferhöhle gut zu erkennen ist, dann bauen sich auf Knopfdruck Nervenstränge und Blutgefäße in unterschiedlichen Farben auf und schließlich auch Muskeln und Fleisch, bis das Gesicht des Patienten zu erkennen ist. Am Ende hat sich die abstrakte anatomische Darstellung in einen realen Menschen verwandelt.
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