Plastikmüll in den Ozeanen Von wegen "Freiheit der Meere"

Im Kampf gegen den Müll im Meer gilt das Prinzip Kaffeeküche: Irgendeiner wird sich schon kümmern. Die erste Ozean-Konferenz der UN versucht nun, durch gemeinsame Regeln zur Verantwortung zu rufen.

Kommentar von Jan Heidtmann

Mehrere heftige Stürme hatte Ismael bereits erlebt, dazu auch einen bösartigen Riesenkraken. Doch die Schönheit der Ozeane übermannte ihn ein jedes Mal wieder. "Für den Wanderer und Weisen bleibt der selige Pazifik, wenn er ihn einmal gesehen hat, für immer das Meer seines Herzens", sagt er, als der Walfänger Pequod die Südsee durchquert.

Vor gut 160 Jahren erschien Herman Melvilles großer Roman "Moby Dick", die Geschichte des epochalen Zweikampfs zwischen Kapitän Ahab und dem weißen Wal. Müsste er heute ausgefochten werden, würde er vermutlich im Müll stattfinden. Enorme Mengen an Plastikresten treiben durch den Südpazifik. Der Wal, er hat den epochalen Kampf längst verloren; die Frage ist nun, ob die Ozeane dasselbe Schicksal erleben müssen.

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Wenn in dieser Woche in New York Meeresbiologen, Minister und Staatsrechtler zur ersten Ozean-Konferenz der UN zusammenkommen, dann ist das der Versuch, das schier Unregelbare zu regeln. Melvilles Werk ist noch von der Vorstellung der "Freiheit der Meere" geprägt - ein Blick auf die Wassermassen, der bis heute das Denken der Menschen bestimmt. Und tatsächlich scheinen die Ozeane in jeder Hinsicht kaum fassbar: 1,3 Milliarden Kubikkilometer Wasser sind das; denkt man sich die Erde als Scheibe, dann würden sich das Salzwasser darauf fast drei Kilometer hoch stapeln.

Noch immer ist ein großer Teil der Ozeane nicht erforscht, Tausende Meter unter der Oberfläche, in der Tiefsee, kreuchen und fleuchen unzählige unbekannte Arten. Inzwischen scheint die "Freiheit der Meere" jedoch vor allem zu heißen, dass der Mensch mit ihnen machen kann, was er will. Es gilt das Prinzip Kaffeeküche im Büro - irgendeiner wird sich schon darum kümmern.

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Doch 100 Jahre weitgehend rücksichtloser Ausbeutung und Verschmutzung haben deutliche Spuren hinterlassen: Rund 30 Prozent der Fischbestände sind dramatisch dezimiert, weitere 60 Prozent sind an ihrem Limit; werden die Ozeane weiter mit Plastik zugemüllt wie bisher, wird das Gewicht des Mülls 2050 schwerer wiegen als das der dort lebenden Fische. Der wichtigeste Grund für diese kollektive Verantwortungslosigkeit ist, dass sich kein einzelner Mensch, aber auch keine Regierung wirklich zuständig fühlen muss. Abseits weniger Hundert Meilen rund um die Küstenstaaten sind die Ozeane wildes Gebiet. Zwar gibt es eine Vielzahl von Abkommen und Gesetzen, die den Fischfang regulieren sollen oder Schutzgebiete ausweisen. Nur existiert keine Institution, die die Regeln auch wirksam durchsetzen könnte.

Besitzrechte und Information gelten daher als Schlüssel zum Schutz der Meere. Denn dort, wo Länder die Verantwortung übernehmen, bessert sich ihr Zustand. So haben effektive Fangquoten an manchen Küsten Europas dazu geführt, dass sich der Bestand einzelner Fischarten wieder stabilisieren konnte. Google hat gemeinsam mit zwei anderen Unternehmungen "Global Fishing Watch" gegründet. Internet-Plattformen wie diese könnten es möglich machen, die Fahrten von Fischerbooten präzise zu verfolgen und so illegales Fischen nachhaltig zu erschweren. Hoffnung macht auch ein Projekt des 22-jährigen Niederländers Boyan Slat, der mithilfe von Sponsoren ein System entwickelt, mit dem er den schwimmenden Plastikmüll aus den Ozeanen fischen will. Nach Tests in der Ostsee soll ein erster Versuch im Pazifik noch in Jahresfrist beginnen.

Die Konferenz von New York ist die erste Zusammenkunft der Weltgemeinschaft, nach der Ankündigung von Donald Trump, das Paris-Abkommen zu kündigen. Es ist die Nagelprobe für die Bekenntnisse Angela Merkels und anderer Staatschefs, sich vom US-Präsidenten nicht die Umwelt zerstören zu lassen.

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