Von Ingo Arzt

Ein Professorin zeigt ihren Kollegen, wie man aus dem Internet geklaute Hausarbeiten und Artikel findet. Eine wichtige Hilfe sind dabei spezielle Suchmaschinen und Software. In Europa verhindert jedoch der Datenschutz ihren effektiven Einsatz.

"Copy-pasten" nennt es der Volksmund: Ganz oder teilweise werden Haus- oder Schularbeiten aus dem Internet heruntergeladen und als eigene ausgegeben, auch in wissenschaftlichen Publikationen finden sich vermehrt kopierte Passagen.

Sieben neue Doktoren der Erfurter Universität zeigen in Erfurt stolz ihre Doktorhüten. Sie haben aber bestimmt nicht geschummelt. (© Foto: dpa)

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Doch inzwischen gibt es eine Reihe spezialisierter Programme und Webseiten, um Plagiate und Plagiatoren auffliegen zu lassen, Professoren und Fachmagazine beginnen, sich systematisch gegen das Abschreiben zu wehren.

"Plagiate sind ein großes Problem", sagt Debora Weber-Wulff von der Fachhochschule für Wirtschaft und Technik in Berlin. "Auch bei Doktorarbeiten, Forschungsarbeiten und Zeitschriftenartikeln wird viel kopiert, ohne Quellen anzugeben. Teilweise werden Forschungsergebnisse auch frei erfunden."

Der Datenschutz bremst

Die Professorin für Medieninformatik gibt darum in einem Kurs mit dem Titel "Fremde Federn finden" Anleitung, wie der Schummelei begegnet werden kann. Eine wichtige Hilfe sind dabei spezielle Suchmaschinen und Software. In Europa verhindert jedoch der Datenschutz ihren effektiven Einsatz.

Wie groß das Problem wirklich ist, lässt sich nur ahnen. Die meisten Zahlen stammen aus Amerika, wo Abschreiben gegen den Ehrenkodex der Universitäten verstößt. Doch selbst dort gibt es kaum systematische Untersuchungen.

Die wenigen, die vorliegen, bestätigen immerhin die Einschätzung vieler Lehrer und Professoren, dass es Schüler und Studenten mit der wissenschaftlichen Methode immer weniger genau nehmen. Bei einer Befragung von Donald McCabe von der Rutgers University gaben im Jahr 2003 von 18000 befragten Studenten 38 Prozent zu, aus dem Internet zu kopieren, ohne die Quelle anzugeben.

Zudem weisen mehrere Studien auf Plagiate in wissenschaftlichen Magazinen hin. So ergab eine Untersuchung im Jahr 2001, dass von 660 Artikeln in drei medizinischen Fachblättern 20 Prozent zumindest teilweise mit anderen Artikeln identisch waren (Nature, Bd.435, S.259, 2005).

Solche Dopplungen aufzuspüren, hilft das Internet. Debora Weber-Wulff hat etliche Programme getestet; darunter das Programm "Plagiarism-Finder" der deutschen Firma Mediaphor. Das Programm arbeitet fast genauso simpel wie die Webseiten, über die Abschreiber ihr Material finden:

Futter für Google

Es füttert gängige Suchmaschinen wie Yahoo oder Google mit jeweils sieben im Text aufeinander folgenden Wörtern, sortiert die Suchergebnisse und gibt wertvolle Hinweise, von welchen Seiten vermutlich abgeschrieben wurde. Allerdings gelingt dies nur, wenn die Quelle nicht auf einer kostenpflichtigen Seite steht oder übersetzt wurde.

Einen anderen Ansatz verfolgt www.turnitin.com der kanadischen Firma iParadigms. Der Dienst durchsucht das Internet nach wissenschaftlichen Veröffentlichungen und aktualisiert so nach eigenen Angaben täglich 40 Millionen Seiten der hauseigenen Datenbank. Wird ein Aufsatz zur Prüfung vorgelegt, vergleicht ihn das Unternehmen mit Milliarden bereits veröffentlichter Seiten.

Außerdem arbeitet "TurnItIn" ("Reich es ein") mit vielen akademischen Datenbanken zusammen und speichert jedes zur Prüfung vorgelegte Dokument für spätere Vergleiche. Genau das aber ist das Problem für europäische Nutzer: Deutsche Universitäten brauchen eine schriftliche Genehmigung der Verfasser, um Arbeiten bei einem Dienst wie "TurnItIn" prüfen zu lassen.

Eine solche Erlaubnis könnten die wissenschaftlichen Verlage routinemäßig von ihren Autoren verlangen, doch die meisten sind bisher kaum beunruhigt. Der größte Herausgeber in Deutschland, Springer Science+Business Media, zu dem 70 Verlage gehören, plant keinen Einsatz von spezieller Prüfsoftware.

Von sich selber klauen

Der Verband der Deutschen Fachpresse hat sich bisher mit der Problematik nicht beschäftigt. Der Amsterdamer Verlag Elsevier, weltgrößter Herausgeber wissenschaftlicher Texte, kündigte dagegen an, den Einsatz von Software zu prüfen. Allerdings noch mit Zurückhaltung.

"Für uns könnte das in Zukunft interessant sein. Momentan gibt es keine konkrete Software, deren Einsatz wir planen", sagt Sprecherin Marike Westra. Sowohl Springer als auch Elsevier setzen auf die Ethik der Wissenschaftler.

Diese Ethik sagt jedoch recht wenig über Eigenplagiate aus - Versatzstücke aus eigenen, alten Texten, die Wissenschaftler als neu verkaufen. Angesichts des enormen Drucks, möglichst viel zu publizieren, ist das eine heute gängige Methode.

Wann genau Selbstplagiat und wann eine Mehrfachverwertung vorliegt, sei schwer einzuschätzen, sagt Weber-Wulff. Verleger können sich mit der Software "Self-Plagiarism Detection Tool" ein Bild machen; sie stammt von Christian Collberg von der University of Arizona.

Das Programm lädt alle wissenschaftlichen Arbeiten von der Homepage eines Autors und von mit ihr verlinkten Seiten herunter, vergleicht die Texte und gibt, nach Relevanz sortiert, eine Trefferliste möglicher Selbstplagiate aus.

Wenn Appelle versagen

Jeder Appell an ethische Grundsätze versagt aber, wo kommerzielle Interessen im Spiel sind. Seiten wie www.hausaufgaben.de oder www.spickzettel.de bieten Hausaufgaben zum Herunterladen - gegen Gebühr. Verantwortungsvoller zeigt sich dagegen die Seite www.hausarbeiten.de:

Professoren, die den Verdacht haben, dass ein eingereichtes Papier von dort kopiert wurde, können die Betreiber der Seite kostenlos um eine Überprüfung bitten. Ein Service, den zu nutzen auch der Deutsche Hochschulrat empfiehlt.

Ein solcher Kampf gegen Plagiate müsste bereits in der Schulen beginnen, fordert Debora Weber-Wulff. Sonst setzt sich bei künftigen Forschern die Erkenntnis durch:

Wer nicht kopiert und schummelt, hat nicht nur mehr Arbeit, sondern auch schlechtere Noten. Damit, fürchtet Weber-Wulff, wachse eine ganze Generation heran, die sich an die fragwürdige Methode gewöhnt hat.

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(SZ vom 14.6.2005)