Aspirin hat eine lange Geschichte. 1828 isolierte der Münchner Pharmakologe Johann Andreas Buchner aus Weidenrinde den schmerzlindernden Stoff Salicin. Fast 70 Jahre später wurde erstmals reine Acetylsalicylsäure, der Wirkstoff im Aspirin, hergestellt; 1899 dann das Patent erteilt. Manche Wirkungen der Arznei sind jedoch bis heute unklar. Dass Buchner den Wirkstoff aus Weidenrinde isolierte, geht allerdings auf jahrhundertealtes Wissen zurück. Im antiken Griechenland verabreichten Ärzte ihren Patienten bei Fieber und Schmerzen bereits Saft aus Weidenrinden.

Zwischen der ersten wissenschaftlichen Publikation über die womöglich heilende Wirkung einer Substanz und der ersten großen klinischen Studie vergeht auch heute noch viel Zeit. Im Mittel sind es 24 Jahre. Das haben griechische Forscher um John Ioannidis ermittelt (Science, Bd.321, S.1298, 2008). Die Mediziner untersuchten 32 Medikamente, darunter viele Arzneien mit hohen wirtschaftlichen Umsätzen.

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Unter den von Ioannidis untersuchten Medikamenten finden sich nur wenige, die innerhalb von zehn Jahren in großen Studien getestet wurden, wie zum Beispiel das HIV-Mittel Indinavir oder Abciximab, ein Mittel zur Verhinderung von Gefäßverschlüssen. Ioannidis ist überzeugt, dass es öfter mit dieser Geschwindigkeit voran gehen könnte. "Gute Tests müssen nicht lange dauern", sagt er.

Viele Faktoren beeinflussen laut Corinna Barz vom Helmholtz Zentrum für Gesundheit und Umwelt in München Erfolg und Geschwindigkeit medizinischer Forschung. Barz findet die in Science veröffentlichten Zeiträume "erschreckend". Medikamente könnten schneller zur Anwendung kommen, würden Grundlagen- und klinische Forschung enger verzahnt. "Man sollte nicht jahrelang Grundlagen untersuchen und erst spät mit den klinischen Wissenschaftlern reden", sagt Barz.

Die Geschichte mancher Medikamente folgt jedoch dem Prinzip Versuch und Irrtum. Mal fällt die Wirkung einer Arznei stark, mal schwächer aus. Auch bei der Hormontherapie in den Wechseljahren war dies zunächst der Fall. 1958 wurde erstmals die Wirkung von Hormonen in dieser Lebensphase getestet. Anfang der 1990er-Jahre ergab eine Studie, dass die Therapie das Risiko von Erkrankungen der Herzkranzgefäße senkt. 2002 wurde die bisher größte und gründlichste Studie abgebrochen, weil Frauen, die Hormone nahmen, vermehrt Schlaganfälle, Herzinfarkte, Thrombosen und Brustkrebs bekamen. Dabei ist das Hormon Östrogen als Arznei lange bekannt. Es wurde 1929 aus dem Urin schwangerer Frauen gewonnen und von 1930 an verkauft.

Es ist vor allem die Qualität und Gestaltung der Studien, die zu solchen vermeintlichen Widersprüchen führt. Große Studien, bei denen die Patienten sich ähneln und dann randomisiert, das heißt nach dem Zufallsprinzip, zwei Vergleichsgruppen zugeordnet werden, von denen eine den Wirkstoff und die andere ein Placebo bekommt, liefern die besten Ergebnisse. Methodisch schlechtere Studien kommen oft zu den Ergebnissen, die später widerlegt werden.

Die Auswahl der richtigen Patientengruppe ist wichtig. Das Antikörper-Medikament Herceptin hilft nur Frauen mit Brustkrebs, bei denen der Rezeptor HER2 an den Krebszellen vorhanden ist. "Man muss maßgeschneiderte Therapien entwickeln", sagt Barz. Zudem geht es darum, den Endpunkt einer Studie zu definieren: Will man über einen Blutdrucksenker wissen, ob damit Schlaganfälle und Herzinfarkte verringert werden? Dann dauert die Forschung lange. Oder reicht es zu wissen, wie stark der Blutdruck sinkt? Das sagt allerdings wenig darüber aus, ob die Menschen mit dem Mittel seltener erkranken.

Auch wie sich Bestandteile von Lebensmitteln auf den Körper auswirken, ist oft schwer zu klären. Seit den 1960er-Jahren untersuchen Forscher etwa die Wirkung der Flavonoide, Pflanzenfarbstoffe, die in Kaffee, Tee, Weintrauben und Kakao vorkommen. Bei manchen Menschen erhöhen sie den Cholesterinspiegel, bei anderen sinkt er.

Selbst wenn ein Wirkprinzip lange bekannt ist, muss die Wirkung neuer Medikamente nicht schnell geklärt sein - so etwa in der Immuntherapie, bei der Antikörper verabreicht werden. 1896 entdeckte der Arzt Emil Pfeiffer, dass das Blutserum von Patienten, die sich von Typhus erholten, als Arznei eingesetzt werden kann. Mäuse überstanden damit eine normalerweise tödliche Dosis des Erregers. 1989 wurde der menschliche Antikörper HA-1A zur Behandlung von Blutvergiftung patentiert. Erste Test fanden ein Jahr später statt - und wurden drei Jahre danach widerlegt.

Oft wird Jahre nach der Zulassung eine Wirkung des Medikament entdeckt, für die es nicht entwickelt wurde. Zidovudin wurde zum ersten Mal 1964 hergestellt und als Krebstherapie getestet - erfolglos. Mitte der 1980er-Jahre beobachteten Forscher, dass damit HIV bekämpft werden kann. Die Zulassung dafür erfolgte innerhalb weniger Jahre. Auch lässt sich nicht jedes Mittel gleich schnell für einen klinischen Test entwickeln. An manchem Stoff arbeiten Chemiker lange, bis sie ihn in eine Form bringen, die sich zur Einnahme eignet.

"Die Forschung geht oft einen Schritt vor und wieder zurück", sagt Ioannidis. Aspirin wurde 1972 darauf getestet, ob es verengten Herzkranzgefäßen vorbeugen könnte. Die Ergebnisse waren enttäuschend. 1997 und 1998 zeigten zwei Studien, dass es sich doch dafür eignen könnte. Eine Studie mit 40000 Frauen ergab 2005 hingegen, dass bei ihnen niedrige, über einen langen Zeitraum genommene Dosen von Aspirin nicht zur Verringerung von Herzinfarkten und Erkrankungen der Herzkranzgefäße führten. Seither nimmt man an, dass der Effekt hauptsächlich für Männer gilt.

Es dauert offenbar immer länger vom ersten Test bis zur Einführung eines Medikaments - was auch an den gestiegenen Sicherheitsstandards liegt. "Vor 50 Jahren sind Medikamente noch innerhalb weniger Monate auf den Markt gekommen", sagt Ulrich Schwabe vom Pharmakologischen Institut der Universität Heidelberg. Ein Tierversuch und ein Test am Menschen, oft ohne Publikation, hätten genügt. Insulin hat in den 1920er-Jahren nur ein halbes Jahr gebraucht, um auf den Markt zu gelangen.

Wenn Medikamente rasch entwickelt werden, können Pharmafirmen früh Gewinne machen und Menschen wird eher geholfen - im Idealfall. Der Contergan-Skandal hat jedoch gezeigt, wie gefährlich mangelnde Sicherheitsvorkehrungen sind. Trotz strengerer Vorschriften werden auch heute noch viele Medikamente verschrieben, deren Wirkung umstritten ist. Laut Arzneiverordnungsreport wurden in Deutschland 2007 derart klassifizierte Medikamente 40 Millionen Mal verordnet. Umstritten heißt, dass die Wirksamkeit des Medikaments nicht oder nicht ausreichend nachgewiesen wurde oder das Verhältnis von Nutzen und Risiko negativ bewertet wird. Anfang der 1990er-Jahre wurden umstrittene Arzneimittel sogar noch zehn Mal so oft verordnet.MARK HAMMER

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(SZ vom 22.11.2008)