Vor zwei Monaten spekulierten US-Physiker, es könnte eine bislang unbekannte Naturkraft oder zumindest ein unbekanntes Elementarteilchen geben. Doch die Forscher im Nachbarlabor können das nicht bestätigen.
Vor zwei Monaten bewegten Spekulationen Physiker in den USA, es könnte eine bislang unbekannte, fünfte Naturkraft oder zumindest ein unbekanntes Elementarteilchen geben. Diese Vermutungen haben am vergangenen Wochenende einen Dämpfer erlitten: Eine zweite Gruppe von Wissenschaftlern, die an demselben Beschleunigerring arbeitet, hat in ihren eigenen Messungen keinerlei Hinweis auf neue Physik gefunden.
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Wenn DZero den neuen Partikel entdeckt hätte, den CDF aufgespürt haben soll, dann müsste hier ein Signal bei 145 GeV/c2 (Unterbrochene Linie) zu sehen sein. Die rote Spitze unterhalb 100 GeV/c2 ist eine Eigenschaft von W- und Z-Boson-Zerfall, vorhergesagt durch da Standardmodel. (© Fermilab)
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Die ursprünglichen Daten waren von der Kollaboration CDF am Tevatron-Beschleuniger des Fermilab in Illinois Anfang April veröffentlicht wurden. In 253 von Milliarden Zusammenstößen hatten die Physiker die Allerweltsteilchen Elektronen und Muonen mit Energien beobachtet, die unerwartet waren.
Ende Mai berichteten die Forscher von 145 weiteren Ereignissen, auf die sie bei der Auswertung frischer Daten gestoßen waren. Aber auch die fast 400 Ereignisse erreichten noch nicht die Schwelle, ab der Elementarteilchenphysiker von einer "Entdeckung" sprechen.
Dafür müssen sie ein sogenanntes Fünf-Sigma-Resultat vorlegen. In einem Histogramm, das die Häufigkeit bestimmter Messungen verzeichnet, muss das fragliche Signal das Maß der zufälligen und systematischen Fehler also um das Fünffache übertreffen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich trotzdem ein Zufall hinter der Häufung verbirgt, sinkt dann unter eins zu einer Million.
Die CDF-Gruppe hatte bei ihrer ersten Veröffentlichung 3,2 Sigma erreicht, die nachgereichten Daten Ende Mai brachten das Maß auf 4,1 Sigma - weiterhin unter der kritischen Schwelle. Zudem haben jetzt haben die Kollegen von D-Zero, dem zweiten Experiment am Tevatron widersprochen. Sie haben so viele Daten ausgewertet wie die CDF-Leute bei der ersten Version ihrer Veröffentlichung.
Darin zeigt sich kein Überschuss, der aufmerken lässt, also auch kein Hinweis auf unbekannte Teilchen oder Kräfte. Die Chance, dass sich unter dem unauffälligen Histogramm doch etwas Neues verbirgt, geben die D-Zero-Physiker mit eins zu 125.000 an.
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(SZ vom 15.06.2011/mcs)
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Über das Internet, genauer: über bestimmte Server, die genau diesen Zweck haben, werden Messergebnisse sofort publiziert, vor jeder Untersuchung und genauen Interpretation. Damit wird die Forschung transparent, das ist wünschenswert. Die Zielgruppe - Forscher und Interessierte aus aller Welt - weiß, dass diese Daten auch Messfehler enthalten, dass es sich um Roh-Daten handelt.
Diese Daten werden kurz und in schlampigem Englisch erklärt, was für den Zweck eigentlich genügt.
Leider machen Medien-Leute daraus gerne vorschnelle Sensations-Meldungen, oft in absoluter sachlicher Kenntnisfreiheit. Somit wird das Niveau "Herrentoilette besetzt - Projekt in Gefahr?" dabei oft unterboten. Dazu kommen furchtbar schlechte Übersetzungen (mit viel 'würde' und 'könnte', was definitiv falsch ist), und die Texte werden auf 'reißerisch' getrimmt - und landen als 'Wissenschafts-Beiträge' in Agenturen.
So erklären sich die vielen Sensationen, die dann doch keine sind.
Den Forschern ist dafür kein Vorwurf zu machen; eher den Redaktionen, die jeden Schwall als 'Wahrheit' übernehmen und ungefiltert abdrucken.
"... die Allerweltsteilchen Elektronen und Muonen mit Energien beobachtet, die unerwartet waren."
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Keine "Muonen" und erst recht nicht Muhohnen ...
Es sind Myonen !
http://de.wikipedia.org/wiki/Myon
Ich denke, das ist mal wieder ein Beispiel für zu unkritische Auseinandersetzung mit den eigenen Ergebnissen. Da hat man ein scheinbar sensationelles Messresultat und nimmt's dann nicht so genau mit der kritischen Prüfung. Diese ist nämlich extrem zeitaufwändig, was bei dem enormen Publikations- und Konkurrenzdruck in der Wissenschaft nicht unproblematisch ist. Hinzu kommt, dass die meisten Universitätslehrpläne keine brauchbaren Lehrveranstaltungen für Datenanalyse beinhalten. Stattdessen bekommt man nebenbei Halbwissen vermittelt.
In diesem konkreten Fall würde ich vermuten, dass das vermeintliche Signal ein systematischer Effekt war. Hier hätten die Forscher intensiv prüfen müssen, um einen derartigen Effekt auszuschließen. Ich versuche mich da stets an Feynman zu halten: "Ein Wissenschaftler sollte stets der größte Skeptiker seiner eigenen Theorien sein." Dieser Grundsatz wurde hier scheinbar nicht befolgt. Das reiht sich somit nahtlos in die Liste der jüngsten Science Fails ein, wo sich bereits ein illustrer Ring aus Dunkler Materie und ein erdähnlicher Planet in der bewohnbaren Zone eines Sterns tummeln.
Da fürchte ich manchmal um den Ruf meines Metiers. Wenn die geldgebende Öffentlichkeit permanent mit spektakulären Falschmeldungen bombardiert wird, dann könnte das Ansehen der Wissenschaft darunter leiden.
Geht dem Fermilab das Geld aus oder soll Tevatron in nächster Zeit endgültig geschlossen werden? Ich erinnere mich an die Meldung, dass LEP kurz vor Ende möglicherweise Higgs-Teilchen gefunden hätte....
Alle seriösen Quellen haben von Anfang an zur Vorsicht und gegen Überinterpretationen geraten, Wissenschafts-Blogger sind von Anfang an davon ausgegangen, dass da nichts raus kommen wird.
Gut.