Physik Gravitationswellen entdeckt - und jetzt?

"Wir schreiben Wissenschaftsgeschichte": Karsten Danzmann freut sich über den Nachweis von Gravitationswellen, an dem das Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik beteiligt war.

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Hat sich die Weltraumforschung mit dem sensationellen Nachweis erledigt? Im Gegenteil, sagt Physiker Karsten Danzmann. Jetzt geht es um Dunkle Energie und die Entstehung von Galaxien.

Interview von Marlene Weiss

Die Gravitationswellendetektoren stehen in den USA, aber das Ligo-Experiment ist international: Ein Großteil der Technik stammt vom Albert-Einstein-Institut (AEI) in Hannover, auch die Daten werden hier mit ausgewertet. Ein Anruf bei Karsten Danzmann, Leiter der Abteilung für Gravitationswellen-Astronomie am AEI.

SZ: Es klingt ja fast zu schön, um wahr zu sein: Ihre Ligo-Detektoren haben einen Volltreffer gelandet, unmittelbar nachdem Sie die Anlage verbessert und wieder eingeschaltet haben.

Karsten Danzmann: Ja, es ist, als hätte sich das die PR-Abteilung ausgedacht. Und genau 100 Jahre nach Einsteins Vorhersage von Gravitationswellen können wir diese Entdeckung veröffentlichen.

Ein Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik erläutert anhand einer Computersimulation die Ausbreitung von Gravitationswellen.

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Ist diesmal ein Irrtum ausgeschlossen? 2014 meldete das Bicep2-Observatorium am Südpol Gravitationswellen. Dann war es doch nur kosmischer Staub.

Ganz sicher kann man nie sein, jedes Signal kann ein Rauschen sein. Aber das wäre bei dieser Messung statistisch nur einmal in 200 000 Jahren der Fall.

Das Signal empfingen Sie schon im September; warum dauert es so lange, die Daten auszuwerten?

Es ist nicht nur eine Frage der Computerpower. Wir haben 100 000 Datenkanäle, die Temperatur, Luftdruck, Vibrationen und so weiter messen, damit man hinterher sagen kann, ob es eine Störung gab, ob jemand laut gesungen hat oder ob ein Schauer kosmischer Strahlung hereinkam. Das muss alles angeschaut und bewertet werden, viele Leute diskutieren miteinander - das braucht Zeit.

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Derzeit laufen schon die Vorbereitungen, im Jahr 2034 ein Satelliten-System namens "Lisa" ins All zu schießen, das dort Gravitationswellen messen soll. Ist das jetzt überflüssig?

Nein, im Gegenteil. Ich glaube, dass man jetzt diskutieren wird, ob wir Lisa vorziehen können. Technisch könnten wir schon Ende der 20er-Jahre starten statt 2034 - es hängt nur vom Geld ab.

Aber jetzt ist es doch erledigt: Gravitationswelle gemessen, Mission erfüllt.

Nein, jetzt fängt es erst an. Wir werden noch viele solche Signale sehen; wir haben ein ganz neues Fenster ins Universum, wir können viel über die Dunkle Energie und die Entstehung von Galaxien lernen. Die Kollision dieser beiden Schwarzen Löcher war das gewaltigste Ereignis, das je beobachtet wurde; in Sekundenbruchteilen wurden mehrere Sonnenmassen verbrannt und in Strahlung umgewandelt. Und trotzdem hat nach meiner Kenntnis kein elektromagnetisches Teleskop etwas gemessen, es blieb völlig dunkel. Zu dieser Schattenwelt haben wir jetzt Zugang. Wir schaffen ja auch nicht die optischen Teleskope ab, nur weil wir schon einen Stern gesehen haben.

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