Philosophie Dürftige Denker in schwierigen Zeiten?

Demonstration für US-Präsident Trump in Manhattan: Was haben Philosophen dem Aufstieg von Populisten entgegenzusetzen?

(Foto: REUTERS)

Wird die Philosophie immer weltfremder? Diese Diagnose ist unberechtigt. Eine Entgegnung auf Christoph Behrens.

Gastbeitrag von Alexander Staudacher

Kaum aufzuhalten erscheint der Siegeszug von politischen Kräften, die auf irrationale Vorurteile setzen und dabei dreist genug sind, Lügen in Orwellschen Neusprech wie "alternative Fakten" zu kleiden. Da ist der Ruf nach Intervention durch die Philosophie nahe liegend. Schließlich ist sie nach verbreiteter Auffassung die Lordsiegelbewahrerin von Aufklärung und Vernunft. Christoph Behrens beklagt in einem Essay auf SZ.de nicht nur ein betretenes Schweigen bei den akademischen Vertretern der Philosophie, er gibt auch eine Diagnose dafür ab: Die universitäre Philosophie hat sich zu weit von den Problemen der Menschheit entfernt und in Debatten verzettelt, die so abstrus wie irrelevant sind.

Diese bedauerliche Entwicklung sei ihrem Drang geschuldet, eine echte Wissenschaft im modernen Sinne zu werden. Dabei sei leider die Idee einer philosophischen Praxis auf der Strecke geblieben, idealtypisch verkörpert durch Sokrates, der 'auf dem Marktplatz herumhing', um die "Leute zum Denken anzustacheln", und der seinen Mut, die Dinge öffentlich anzusprechen, mit dem Tode bezahlte.

Weder diese Diagnose noch der Vorwurf, die Philosophie ducke sich bei den wirklich relevanten Fragen beständig weg, sind jedoch berechtigt. Es mag sein, dass es in der Philosophie ungute Tendenzen der Spezialisierung und der scholastischen Verzettelung gibt, sodass mancher Aufsatz weniger der Sache als eher der Beförderung der eigenen akademischen Karriere dient. Nur hat dieses Problem wenig mit der Frage zu tun, ob sich Philosophen im wünschenswerten Ausmaß in öffentlichen Debatten engagieren. Das kann man schon daran erkennen, dass einige der bekanntesten Philosophen ihre akademischen Meriten mit Werken verdient haben, die nur von einer Leserschaft mit Spezialkenntnissen verstanden werden können. Russells Principia Mathematica und Sartres Sein und das Nichts sind weder allgemeinverständlich noch handeln sie von Fragen, die uns im Alltag beständig unter den Nägeln brennen. Sogar Sokrates, von dem wir als historische Figur nur wenig wissen (wir kennen ihn nur aus den Darstellungen von Platon, Xenophon und Aristophanes), scheint sich Fragen gewidmet zu haben, die nicht fürs große Publikum bestimmt waren. Was Platon ihn etwa in Dialogen wie dem Parmenides zum Universalienproblem sagen lässt, dürfte selbst damals kaum marktplatztauglich gewesen sein.

Gefordert ist neben der Philosophie auch die Psychologie

So richtig der Ruf nach mehr öffentlicher Einmischung der Philosophie auch ist, so wenig trifft der Vorwurf der systematischen Weltabgewandtheit zu. Zur Flüchtlingsfrage erschienen letztes Jahr viele Essays, die in allgemein verständlicher Sprache zahlreiche Facetten der Diskussion beleuchteten. Explizit waren sie nicht als Beitrag zur innerfachlichen Diskussion gedacht, sondern zur Versachlichung der öffentlichen Diskussion. Einige Beiträge erschienen in überregionalen Tageszeitungen und gaben die Art von Antworten, die Behrens mit Blick auf Sloterdijk so vermisst hat. Fragen zum moralisch vertretbaren Umgang mit Migration und Flucht werden in ebenfalls gut zugänglicher Form in Beiträgen von Andreas Cassee und Anna Goppel verhandelt. Herausforderungen durch intelligente Roboter oder den Klimawandel sind seit Jahren Gegenstand von Debatten in der angewandten Ethik und der Wissenschaftsphilosophie. Auch die Debatte zu einem ethisch vertretbaren Umgang mit Tieren, die inzwischen einen kommerziell relevanten Lebensstil (Veganismus) kreiert hat, geht auf tierethische Diskussionen in der Philosophie zurück.

Was aber den Ruf nach der Philosophie angesichts des allgegenwärtigen Schindluders mit der Wahrheit betrifft - man denke an "Fake News" oder den Begriff "post-faktisch" - so brauchen wir weniger philosophische Aufklärung darüber, was Wahrheit eigentlich ist. Gefordert ist eher die Psychologie: Warum sind Menschen, die sich niemals ein defektes Auto als voll funktionsfähig andrehen lassen würden (die also sehr wohl zwischen wahr und falsch unterscheiden können), nicht nur bereit, solchen Unsinn in der Politik zu akzeptieren, sondern sich von seinen Verbreitern auch noch regieren zu lassen?

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Dennoch ist der Eindruck nicht unberechtigt, dass die Philosophie durchaus mehr gesellschaftspolitische Präsenz zeigen könnte, und dass es auch schon einmal besser um ihr öffentliches Engagement bestellt war. Fand sich nicht früher, immer wenn es heikel wurde, ein anerkannter Intellektueller, der ein Leuchtfeuer zur Orientierung setzen konnte? Warum ist dem heute nicht mehr so? Erstens steht der Universitätsbetrieb inzwischen weitgehend unter betriebswirtschaftlicher Fuchtel, beständig geht es darum, Geldmittel einzuwerben, Studiengänge neu oder umzuorganisieren, andere Kollegen zu evaluieren oder von ihnen evaluiert zu werden. Da bleibt für jene Muße wenig Zeit, die man benötigt, um sich in überzeugender Weise öffentlich zu engagieren. Zweitens herrscht der Eindruck vor, dass viele Probleme inzwischen so komplex geworden sind, dass die klassische Rolle des alles überblickenden Intellektuellen hoffnungslos veraltet und unangemessen erscheint.

Philosophie kann rhetorische Vernebelung aufdecken

Wie können Vertreter der akademischen Philosophie dem Wunsch nach mehr öffentlichem Engagement nachkommen, zumal in Zeiten, in denen öffentlichkeitswirksame Kommunikation zunehmend im Twitter-Rhythmus von 140 Zeichen getaktet ist? Dieser kommt zwar philosophischen Spesenrittern wie Ryan Holiday entgegen, der dort jede griffige philosophische Sentenz, derer er habhaft werden kann, erfolgreich auf Kalenderspruchniveau reduziert. Philosophie als Disziplin, die auf gründlich durchdachte Argumente setzt, tut sich hier naturgemäß schwer. Doch es gibt hoffnungsvolle Ansätze der Digitalisierung von Philosophie, etwa auf Youtube.

Philosophen brauchen sich in der digitalen Welt nicht zu verstecken: Sie sind bestens darin trainiert, komplexe Sachverhalte ohne rhetorischen Bombast darzustellen und Argumente zu überprüfen; diese Technik lässt sich universell anwenden, etwa um rhetorische Vernebelungsmanöver in Politik und Ökonomie zu enttarnen. Selbst wenn die Philosophie nicht mehr glaubhaft den Anspruch verteidigen kann, die ganz großen Antworten auf die ganz großen Fragen zu liefern, so kann sie wirksame Werkzeuge anbieten, wenn es darum geht zu zeigen, dass viele Kaiser keine Kleider anhaben.

Und man sollte sich eines Verfahrens erinnern, bei dem uns Sokrates in der Tat als Vorbild dienen kann, und welches gegenwärtig wenig Anwendung findet: Sokrates agiert in Platons Dialogen oft als Moderator, der die Diskutanten durch geschicktes Nachfragen auf Widersprüche in ihren Anschauungen aufmerksam macht und sie so zu neuen Sichtweisen lenkt. Könnte dies nicht eine willkommene Abwechslung zu den eingespielten Ritualen unserer alltäglichen Polittalkrunden sein?

Dr. phil. habil. Alexander Staudacher ist Privatdozent für Philosophie an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Er lehrte unter anderem an der Leibniz-Universität Hannover, der Universität Luxemburg, der Humboldt-Universität Berlin und publiziert zu Themen der Philosophie des Geistes und der Philosophie der Wahrnehmung.

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