Philosoph "Wer darf in den Club?"

Soll man Schimpansen und Orang-Utans mit Menschen gleichsetzen? Der Philosoph Hans Werner Ingensiep warnt davor.

Interview von Christian Weber

SZ: Wenn das Gespräch auf Schimpansen kommt, sagen viele: Der teilt sich 98,5 Prozent der Gene mit dem Menschen - wo ist da groß der Unterschied?

Ingensiep: Das ist ein ebenso beliebtes wie wissenschaftsgläubiges Argument. Man kann nicht aus einer quantitativen biologischen Ähnlichkeit auf qualitative Gleichheit schließen, womöglich auch noch gleiche Grundrechte ableiten. Das wäre ein naturalistischer Fehlschluss. Wir Menschen teilen uns auch etwa 50 Prozent der Gene mit den Bananen. Fordern wir deshalb 50 Prozent Grundrechte für Bananen?

Die Psychologin Francine Patterson forderte moralische Grundrechte für Menschenaffen, indem sie auf die Fähigkeiten des von ihr betreuten Gorillaweibchens Koko verwies: Es beherrsche 1000 Wörter Zeichensprache, verstehe gesprochenes Englisch, erreiche in einem Intelligenztest bis zu 95 Punkte, schneide Grimassen vor dem Spiegel, lache über Scherze und habe getrauert, als die Katze starb. Darf man Koko wirklich den Personenstatus absprechen?

Vorsicht. Zum einen bezweifeln viele Primatologen und kritische Sprach- und Wissenschaftsphilosophen, dass Menschenaffen wie Koko tatsächlich all das können, was ihnen zugeschrieben wird. Wenn Forscher so eng mit ihren "Hausgorillas" verbunden sind wie Patterson mit Koko, besteht die Gefahr, dass sie ihre Untersuchungsobjekte vermenschlichen und Eigenschaften überinterpretieren. Anthropomorphismus ist eine methodische Falle.

Aber dass sie Gefühle haben wie Menschen, kann man wohl nicht bestreiten?

Es kommt auch darauf an, welche Gefühle man ihnen zuschreibt. Es ist zum Beispiel fraglich, aus Gefühlen auf ein Todesbewusstsein zu schließen. Sicherlich empfinden Gorillas Angst und Freude, aber das tun Hunde und Meerschweinchen auch.

Ist Gorilla Koko also keine Person? Die viel zu wenig diskutierte Frage ist, was man unter einer Person denn überhaupt verstehen soll? Ein Bündel von Emotionen oder Kognitionen? Im psychologischen Sinn kann man einem Gorilla sicherlich Persönlichkeit zuschreiben, so wie anderen Tieren auch. Schon sehr viel schwieriger ist es mit dem normativen Personenbegriff in der Ethik. Denn dann müssten Menschenaffen zu rationaler Selbstreflexion fähig sein, nicht nur ein Ich-Bewusstsein haben oder auf die Zukunft gerichtete Wünsche. Als moralfähige Akteure müssten sie fähig sein, ethische Verantwortung für sich und andere zu tragen. Das ist bislang nur von Menschen bekannt.

Es geht auch um die Frage, ob ein Menschenaffe vor Gericht Personenstatus haben darf.

Zumindest in Europa ist dieser Streit letztinstanzlich entschieden. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat 2010 das Ersuchen von Tierrechtlern, einem Wiener Schimpansen Matthias Pan, genannt Hiasl, einen juristischen Personenstatus zuzuerkennen, abgelehnt.

Das Gericht bestritt die Klageberechtigung des Schimpansen vor allem deshalb, weil er sich nicht ausweisen konnte. War das nicht absurd?

Das waren formaljuristische Kunstgriffe, auf beiden Seiten. Sie zeugen von dem wachsenden Unbehagen vor allem "höhere Tiere" juristisch wie Sachen zu betrachten. Das ist die klassische dualistische, rechtsphilosophische Falle: Seit dem römischen Recht pflegen Juristen zwischen erwerbbaren "Sachen" und "Personen" mit Besitzanspruch zu unterscheiden. Tiere sind heute im Recht zwar keine Sachen mehr, werden aber so behandelt, deshalb kann man sie auch kaufen und verkaufen. Das ist ein unangemessen starres Kategoriensystem.

Könnte man nicht einfach weitere Kategorien schaffen?

Das wäre zu überlegen, anstatt bestimmte Tiere zu exklusiven Rechtssubjekten zu stilisieren. Hilfreich wäre es schon, wenn man Menschenaffen rechtsverbindlich weit stärker als bislang unter besonderen Schutz stellt, etwa durch Verbote oder eine Präzisierung von Versuchs- und Haltungsbedingungen. Das würde auch schneller wirken als ein subversiver Angriff auf das Rechtssystem. Für falsch halte ich es, Menschenaffen als Personen im ethischen Sinne zu betrachten und Menschenrechte für sie einzufordern wie im Great Ape Project. Hier verschleiert die Rede vom "moralischen Status" diese elementare Rolle des menschlichen Verantwortungsträgers und führt in einen unreflektierten Egalitarismus. Bei aller Ähnlichkeit unterscheidet sich der Mensch von Menschenaffen gerade in dem Punkt. Ohne Verantwortungsträger gibt es keine Ethik.

Ist das mehr als ein philosophisches Problem?

Die aktuellen Grundrechtsforderungen sollen schon die Tür öffnen für die Einforderung radikaler Tierrechte. Man will einen exklusiven ethischen Klub aufmachen, zu dem neben Menschenaffen dann auch Wale, Delfine, Papageien, Raben, vielleicht auch Schweine qua Personen gehören. Das Kategorienproblem bleibt aber so bestehen: Man würde die Zwei-Klassen-Terminologie von "Sachen" und "Personen" in Bezug auf Tiere aufrechterhalten. Das Problem der Grenzziehung bliebe erhalten: Wer darf in den Klub? Nur der, der so ist wie wir Menschen. Statt bestimmten Tieren Menschenrechte zu verleihen, sollte man eher ihrer Art gerecht werden.

SZ_Grafik; Quelle: WWF Deutschland; Fotos: Imago (5), dpa/pa

Also fordern Sie Menschenaffenrechte für Menschenaffen?

So könnte man es vielleicht formulieren.

Im Great Ape Project geht es darum, das Leben und die Freiheit von Menschenaffen zu schützen und sie vor Folter zu bewahren. Was spricht denn dagegen?

Das ist sympathisch, aber da fangen die Anthropomorphismen bereits an! Man kann nicht menschliche Kulturbegriffe wie "Freiheit" so einfach übertragen. Was wissen wir denn von solchen Bedürfnissen von Schimpansen und Gorillas? Vielleicht zieht ein im Zoo geborener Menschenaffe seine gewohnte Umgebung der "freien" Wildbahn vor? Im Zoo erhält er problemlos Nahrung und hat keine Feinde, die ihn bedrohen. Außerdem werden bei der Diskussion um tierethische Individualrechte von Menschenaffen die wichtigen praktischen Fragen und die ökologischen Fragen vernachlässigt.

Was meinen Sie damit?

Etwa den Artenschutz. So sind zum Beispiel viele Zoo-Gegner Befürworter von Ökotourismus in den Lebensräumen der Menschenaffen. Dafür gibt es auch gute Gründe, so kann man die einheimische Bevölkerung unterstützen und sie von der Wilderei abhalten. Aber wenn jährlich 15 000 Gorilla-Touristen in den Bwindi-Nationalpark in Uganda pilgern, werden die Tiere auch gefährdet. Dann wäre es wohl besser, die Menschenaffen-Haltung in unseren Zoos zu verbessern, um dort eine unmittelbare Ich-Du-Begegnung zu ermöglichen. Heutige Eventzoos sollten tiefere kulturanthropologischen Reflexion anstoßen bis hin zur Frage: Was ist der Mensch?

Was können wir lernen aus der Geschichte der Begegnung von Mensch und Menschenaffe?

Die entscheidende Einsicht ist der enorme Wandel unserer Wahrnehmungskonstrukte zu Menschenaffen seit ihrer europäischen Entdeckung im 17. Jahrhundert. Erst galten sie als Karikatur, degenerierte Monster, dann als gute Wilde; später, nach Darwin, als nahe Verwandte und gegenwärtig sollen sie Rechtspersonen sein. Manche halten sie heute fast schon für bessere Menschen. Dabei spielen weltanschauliche Projektionen eine große Rolle.

Was meinen sie damit?

Manche Anthropomorphismen sind eben auch sozialutopische Projektionen. Aus denen man übrigens zirkulär wieder rückschließt, was für Menschen richtig sei. Denken Sie an die Bonobos, die angeblich zeigen, wie man mit Sex Konflikte schlichtet, oder an Gorillas, die "sanften Vegetarier", die uns zeigen, wie man sich natürlich ernährt. Da wird simplifiziert.

Wie wird sich die Beziehung von Mensch und Menschenaffe weiterentwickeln?

Am radikalsten sind aktuell jene Theoretiker einer Mensch-Tier-Gesellschaft wie etwa Will Kymlicka, die politische Partizipationsrechte für Tiere fordern.

Ist so etwas denn völlig ausgeschlossen?

Na ja, sobald mir der erste Gorilla mitteilt, wie er leben möchte - gerne auch in Zeichensprache vermittelt über Primatologen - und dass er bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, denke ich darüber nach.