Pharmazie Selbst wenn kein Wundermittel in ihrem Herbarium lagert, haben die Pflanzen einen Nutzen

Immer häufiger sehen sich Ärzte mit Bakterien wie Acinetobacter baumanii oder Pseudomonas aeruginosa konfrontiert, die sich mit vorhandenen Antibiotika nicht mehr behandeln lassen. Kürzlich warnte die Weltgesundheitsorganisation, dass die Gonorrhö auf dem Weg ist, eine unbehandelbare Krankheit zu werden. Die Wunderwaffen von gestern sind stumpf geworden.

"Es wird jetzt natürlich verzweifelt nach neuen Antibiotika gesucht", sagt der Pharmakologe Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg. Dabei suchen Forscher überall: in Bodenproben, in Mikroben in und auf dem menschlichen Körper oder in Bibliotheken aus Millionen Molekülen. Und eben auch wieder in Pflanzen. Forscher hätten in der Vergangenheit schon einmal ihre Hoffnung in Pflanzen gesetzt, sagt Sörgel. Aber dabei sei nichts herausgekommen. "Nicht eines der relevanten Antibiotika stammt aus Pflanzen."

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Gibt es also überhaupt etwas zu finden im Pflanzenreich? Wenn man Quave glaubt, hängt das vor allem davon ab, was man genau sucht. Forscher hätten in den vergangenen Jahrzehnten meist nach Substanzen gesucht, die das Wachstum von Bakterien hemmen oder sie direkt töten. Quave verfolgt eine andere Strategie. Sie sucht Substanzen, die Bakterien daran hindern, miteinander zu kommunizieren und sich zu Biofilmen zusammenzuschließen oder gefährliche Giftstoffe zu produzieren. Wie ein General, der im Krieg nicht direkt die gegnerischen Soldaten angreift, sondern ihre Kommunikationszentrale und ihre Waffenfabriken zerstört.

Sie spricht mit Heilern in Peru und lernt pflanzliche Mittel kennen, die seit Generationen genutzt werden

MRSA sei ein guter Keim, um diese neue Strategie auszuprobieren, da er eine Menge Giftstoffe produziere. "Die zerstören Immunzellen, greifen das Abwehrsystem an und überwältigen es, sodass die Bakterien sich im ganzen Körper ausbreiten können." Eben da greift zum Beispiel der Wirkstoffcocktail an, den Quave im Brasilianischen Pfefferbaum gefunden hat. Diese neuen Substanzen könnten helfen, das Machtverhältnis zugunsten des Wirtes zu verlagern. Hoffentlich eines Tages auch bei Patienten, sagt Quave. "Ich habe das Gefühl, dass ich für diese Arbeit bestimmt bin."

Die Medizin war für Quave ein Kindheitstraum. Und ihre Realität. Nach der zweiten Amputation muss sie immer wieder ins Krankenhaus. Jedes Mal, wenn sie einen Wachstumsschub macht, dringt der Knochen wie ein Speer aus dem Stumpf hervor, und die Ärzte müssen ihn wieder absägen. "Die Helden meiner Kindheit waren meine Ärzte", sagt sie. "Ich habe so viel Zeit mit ihnen verbracht." Als Kind sammelt Quave Wasser aus einem nahen Graben, um es unter dem Mikroskop anzuschauen. Als Teenagerin hilft sie in der Notaufnahme aus. Wenn ihre Mutter will, dass sie Freitagabend zu Hause bleibt, gibt es Streit. "Dann kommen doch die ganzen Opfer von den Kneipenschlägereien rein", sagt sie.

Eher durch Zufall landet Quave schließlich in der Ethnobotanik. Eine Reise in das Amazonasgebiet öffnet ihre Augen für die traditionelle Medizin. Sie spricht mit Heilern in Peru und lernt pflanzliche Heilmittel kennen, die seit Generationen genutzt werden. "Die Frage für mich war: Steckt da was dahinter? Können wir so neue Medikamente finden?", sagt Quave. "Ich bin von dem Trip wiedergekommen und habe beschlossen, das weiter zu verfolgen, anstatt Medizin zu studieren." Endgültig beantworten kann sie die Frage noch nicht, aber inzwischen hat sie eine ganze Reihe interessante Stoffe gefunden. Neben den Substanzen aus dem Brasilianischen Pfefferbaum etwa in der Kastanie und im Johanniskraut.

Ihr Labor untersucht rund 400 verschiedene Pflanzen, drei Mischungen hat Quave bereits patentieren lassen. Und sie dokumentiert weiter, was Menschen in verschiedenen Gesellschaften als Naturheilmittel nutzen. Sörgel hält das für einen guten Ansatz. "Zu sagen, wir gehen jetzt noch mal ins Pflanzenreich und untersuchen, was wir dort finden, ist sicher gerechtfertigt", sagt er. "Und dann ist es ein guter Ansatz, diese traditionellen Rezepturen zu untersuchen."

Quave hofft, ein Extrakt aus dem Pfefferbaum bald an Menschen testen zu können. Zunächst möchte sie versuchen, damit Neurodermitis zu behandeln. Die Erkrankung zeichnet sich auch dadurch aus, dass die betroffenen Hautstellen von einer hohen Zahl von Staphylococcus aureus besiedelt sind. Die Bakterien dringen in die Haut ein und produzieren Giftstoffe, die die Entzündung verschlimmern und die Hautbarriere weiter zersetzen. "Wenn wir die Bakterien daran hindern, diese Toxine auszuschütten, gibt das der Haut eine Chance zu regenerieren und es erlaubt gleichzeitig anderen, harmlosen Bakterien Staphylococcus aureus zu verdrängen", sagt Quave. Sollte das gelingen, wäre es ein erster kleiner Sieg gegen das Bakterium.

Und selbst wenn am Ende kein Wundermittel im Herbarium schlummert, haben die Pflanzen dort noch einen anderen Nutzen. Quave nutzt sie im Unterricht, um ihren Studenten die Augen zu öffnen für die Pflanzen um sie herum. "Die meisten von ihnen schauen sich überhaupt nicht um, wenn sie draußen sind", sagt Quave. "Die starren auf ihre Handys und bekommen von der Umwelt nichts mit."

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