Phantastische Wesen Begleiter im Geiste

Da verwundert es wenig, dass diese Figuren oft im Tagebuch auftauchen, das als Person angesprochen wird: "Liebes Tagebuch ..." Die Psychologin Seiffge-Krenke berichtete in einer Untersuchung über die Tagebücher von 94 Jugendlichen, dass knapp die Hälfte der Schreiber mit einem imaginären, überwiegend weiblichen Gefährten lebte. Ein berühmt gewordenes Beispiel ist "Kitty", die Anne Frank in ihrem Versteck vor den Nazis als enge Freundin erschaffen hat.

Dass imaginäre Begleiter von Jugendlichen aus Not oder Einsamkeit entstehen, ist jedoch nicht der Fall. Die Tagebuchschreiber in Seiffge-Krenkes Studie zeichneten sich durch ausgeprägte Empathie und soziale Kompetenz aus.

Sogar Erwachsene leben mit imaginären Gefährten, was jedoch von der Psychologie noch wenig erforscht wurde. Anders als bei James Stewart in dem Film "Mein Freund Harvey", im dem ein zwei Meter großer Hase als loyaler Freund fungiert, liegen hier oft einschneidende Gründe vor.

Rückkehr der Partner

So gibt es medizinische Berichte, dass an Psychosen leidende Erwachsene solche Vorstellungen erzeugen, um ihre beengte Welt zu bewältigen. Als pathologisch würde wohl auch das kinderlose Ehepaar in dem Film "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" gelten, das vorgibt, es habe einen Sohn.

Auch kommt es vor, dass Menschen, die eine nahestehende Person verloren haben, den Verstorbenen in Halluzinationen erleben. Das kann im Extrem dazu führen, dass alte Menschen den toten Gefährten dauerhaft in ihr Leben zurückkehren lassen.

So berichtete der kanadische Psychiater Ken Shulman bereits vor mehr als 20 Jahren von drei über 80-jährigen Senioren, deren jahrzehntelange Ehepartner verstorben waren. Obwohl sie um den Verlust wussten, wunderten sie sich keineswegs über die Rückkehr des Gemahls oder der Gemahlin - eine Frau vermied sogar gezielt, das heikle Thema anzusprechen, um die Erscheinung nicht zu verscheuchen. Allerdings waren die Patienten alle bereits leicht senil. "Das waren Tröster und Gesellschafter", sagt Shulman rückblickend.

Doch warum haben Wissenschaftler dieses Thema so lange gemieden? Es mag daran liegen, dass viele Kinder sich später ihrer imaginären Freunde kaum noch entsinnen. So berichtet Seiffge-Krenke von einem Treffen mit jungen Erwachsenen, die der Psychologin ihre Jahre zuvor verfassten Jugendtagebücher zur Verfügung gestellt hatten.

Als Inge Seiffge-Krenke eine der Frauen fragte, ob sie sich noch an ihre imaginäre Freundin "Kathrin" erinnere, konnte diese sich außer dem Namen nichts ins Gedächtnis zurückrufen. Dabei hatte sie sich lange und intensiv mit Kathrin auseinandergesetzt. Der Grund dafür könnte sein, dass die Kinder und Jugendlichen stets die volle Kontrolle über ihre Figuren bewahren. Auch wenn sie den imaginären Begleiter nicht mehr brauchen: Dann lassen sie die einstigen Gefährten sterben - oder einfach verblassen.