Pestizide in der Landwirtschaft Ran ans Gift

Landwirte sprühen oft Mischungen verschiedener Stoffe auf den Acker. Wie diese aufeinander reagieren, ist oft unklar.

(Foto: picture alliance / Patrick Pleul)

Die Auswirkungen des Pestizideinsatzes auf die Artenvielfalt seien verheerend, warnt eine Forschergruppe. Sie macht Vorschläge, wie sich die Lage bessern könnte.

Von Kathrin Zinkant

Wer in diesen Tagen einen Abend im brandenburgischen Oderbruch verbringt, vergisst das Insektensterben schnell. Libellen, Hornissen und Bienen schwirren durch die Sommerluft. Käfer krabbeln durchs Gras, Schmetterlinge flattern. Mücken treiben einen in den Wahnsinn. Vom Massentod der Kerbtiere scheinbar keine Spur.

Und doch, er passiert. Das Artensterben am unteren Ende der Nahrungskette schreitet mit einer Geschwindigkeit voran, die nun auch die Wissenschaft auf den Plan treten lässt. In einem am Mittwoch veröffentlichten, fast 70 Seiten umfassenden Diskussionspapier fordert eine Kommission der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina die Bundesregierung zum Handeln auf. Unter dem Titel "Der stumme Frühling: Zur Notwendigkeit eines umweltverträglichen Pflanzenschutzes" beschreiben hochrangige Agrarwissenschaftler, Biologen und Toxikologen den Zustand der Biodiversität und die Auswirkungen des Pestizideinsatzes in der deutschen Landwirtschaft als nachweislich verheerend. Sie schildern aber auch mögliche Ansatzpunkte, um der gegenwärtigen Entwicklung Einhalt zu gebieten.

"Durch die massive Reduktion von Biomasse, Mikrohabitatstrukturen und Nahrungsressourcen sind nicht nur Insekten, sondern auch Konsumenten der Insekten wie Kleinsäuger und Vögel betroffen", heißt es im Papier. Der Pestizideinsatz habe einen Punkt erreicht, an dem "wichtige Ökosystemfunktionen und Lebensgrundlagen ernsthaft in Gefahr sind". Es sei daher unabdingbar, lange akzeptierte Dogmen und Praktiken kritisch zu hinterfragen.

"Etliche Aspekte" von Pestiziden werden bei der Zulassung nicht ausreichend berücksichtigt

Eine dieser akzeptierten Praktiken steht im Mittelpunkt des aktuellen Diskussionspapiers: Die Experten kritisieren die lückenhaften Zulassungsvoraussetzungen für Unkrautvernichter, Pilzmittel und Insektengifte. Die Verfahren hätten in der Vergangenheit bereits zu eklatanten Fehleinschätzungen geführt.

So sind nach Aussage der Experten bis heute Rückstände zahlreicher, bereits in den 1990er-Jahren ausgebrachter Pflanzenschutzmittel in Bodenproben nachweisbar, obwohl dies aufgrund der damaligen Prognosen nicht zu erwarten gewesen wäre. "Sicher, die Zulassungsverfahren sind immer detaillierter geworden", sagt Andreas Schäffer von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule und Leiter der Kommission. "Etliche Aspekte" in der Bewertung von Pestiziden würden aber weiterhin nicht ausreichend berücksichtigt.

Dazu gehört laut dem Experten-Papier insbesondere der Effekt von Wirkstoffen in sogenannten Spritzserien und Tankmischungen. Landwirte nutzen diese Verfahren, um mehrere verschiedene Pestizide auf ein- und dieselbe Fläche auszubringen. Wie die Stoffe sich auf dem Acker gegenseitig in ihrem chemischen Verhalten beeinflussen, ist oft unklar, weil für die Zulassung eines Wirkstoffs in der Regel nur die einzelne Substanz geprüft wird.

In der Praxis müssen die Anwender zwar in sogenannten Spritztagebüchern dokumentieren, welche Wirkstoffe in welchen Situationen zum Einsatz kommen. Nachvollziehen lässt sich eine spätere Belastung durch Kombinationen aber nicht, weil die Informationen dem Betriebsgeheimnis des jeweiligen landwirtschaftlichen Unternehmens unterliegen.