Personalisierte Medizin - das klingt nach einem intensiven Arzt-Patienten-Verhältnis, geprägt von Respekt und Verständnis. Doch das Gegenteil ist der Fall. Es geht um eine PR-Strategie von Pharmaindustrie und interessierten Wissenschaftlern.
Für Patienten klingt es nach einer guten Nachricht. Endlich wollen sich die Ärzte wieder stärker den Kranken zuwenden, deren Ängste und Nöte beachten, sich empathisch zeigen und das individuelle Umfeld vermehrt berücksichtigen.
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Patienten beklagen sich schließlich darüber, dass ihre familiäre und soziale Situation, berufliche Belastungen und andere Eigenheiten des Alltags zu wenig in Diagnosefindung und Behandlung einbezogen werden.
Wie sonst sollte der Begriff "personalisierte Medizin" auch verstanden werden, wenn nicht als längst nötige Besinnung der Medizin auf den wahren Kern der Heilkunde - ein intensives Arzt-Patienten-Verhältnis, das von Respekt und Verständnis geprägt ist?
Das Gegenteil ist der Fall", schimpfen kanadische Ärzte um George Browman im Canadian Medical Association Journal (online) vom heutigen Dienstag. "Es geht bei der personalisierten Medizin um hochtechnisierte Forschung, um Gene, Proteine und den Zellstoffwechsel. Hier werden Patienten in die Irre geführt und die Konfusion, die durch den Begriff entsteht, bringt weitere Nebenwirkungen mit sich."
Denn darunter würden die meisten Laien eine patientenzentrierte Behandlung verstehen, in der es um die verbesserte Kommunikation zwischen Arzt und Patient geht oder um Wege der Krankheitsverarbeitung.
Tatsächlich versteckt sich hinter der Floskel von der personalisierten Medizin eine PR-Strategie von Pharmaindustrie und interessierten Wissenschaftlern. Die Arzneimittelhersteller haben schon seit Jahren keinen Blockbuster mehr auf den Markt gebracht. Die Zahl der jährlichen Medikamentenzulassungen hat sich seit den 1990er Jahren fast halbiert.
Viele angeblich neue Präparate sind Nachahmungen oder Variationen des Bekannten. Ärzten dürfte es schwer fallen, zehn neue Medikamente zu nennen, die in den vergangenen zehn Jahren entwickelt worden sind, auf die sie nur schweren Herzens verzichten könnten.
Die Marketingabteilungen der Pharmaunternehmen versprechen dennoch maßgeschneiderte Mittel für eine personalisierte Medizin der Zukunft, die sich hauptsächlich aus der Entschlüsselung des Genoms speist und neue Medikamente verspricht, die auf molekulare Ziele gerichtet sind.
Für Browman werden mit dem Loblied auf die personalisierte Medizin falsche Erwartungen geweckt. "Wir sollten nicht damit rechnen, dass die großen Volksleiden bald besiegt werden", sagt er. "Dazu ist das Wechselspiel zwischen Genen, Proteinen, dem Stoffwechsel und Myriaden von Umwelteinflüssen viel zu komplex."
Für Wolf-Dieter Ludwig, den Vorsitzenden der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, sind die Versprechungen schlicht "Science-Fiction". Vieles, was unter dem Begriff personalisierte Medizin verhandelt und angepriesen wird, "klingt zwar attraktiv, ist aber wenig oder gar nicht belegt".
Die Firmen haben ihre Strategie gewechselt: vom Blockbuster zum Nichebuster. Die Politik erleichtert der Pharmaindustrie diesen Schwenk mit dem AMNOG, einem Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes, das seit Januar 2011 in Kraft ist. Nach der neuen Regelung sind Medikamente gegen seltene Erkrankungen von der für die Patienten so wichtigen Nutzenbewertung ausgenommen. Die Hersteller können die millionenteure Entwicklung neuer Mittel früher beenden, etliche Tests und Vergleichsstudien entfallen. Ein Medikament wird zugelassen, ohne dass klar ist, ob die Patienten etwas davon haben.
Damit unter dem Schlagwort personalisierte Medizin jedes Mittel zum Medikament gegen seltene Erkrankungen werden kann, werden neue Untereinheiten von Krankheiten definiert. PR-Kampagnen begleiten die Neuorientierung. Fast wöchentlich wird zu einer Konferenz über seltene Leiden oder individualisierte Therapie geladen. Mit Fotoausstellungen über seltene Leiden werden Laien auf das Thema aufmerksam gemacht.
Der Nutzen für Kranken ist oft nicht gegeben. In der Krebsmedizin würden jedes Jahr neue Arzneimittel angepriesen, von denen nur ein Bruchteil der Kranken profitiere, sagt Wolf-Dieter Ludwig. Von den etwa zwei Dutzend Mitteln mit neuen Wirkstoffen, die im Jahr 2010 in Deutschland auf den Markt gebracht wurden, war nur ein Viertel von therapeutischer Relevanz und wurde als womöglich hilfreich eingestuft.
Für Browman und seine Mitstreiter sind die Übertreibungen und Missverständnisse unter dem Etikett der personalisierten Medizin nicht nur ärgerlich, sondern sogar schädlich. "Wir sollten keine Zeit damit verschwenden, die personalisierte Medizin als wissenschaftliches Etikett zu etablieren", fordern die Ärzte. "Hinter einer Medizin, bei der sich tatsächlich die Menschen im Mittelpunkt befinden, steht zwar nicht die Mystik der Gene, aber dafür können wir das verändern, was die Patienten erleben und durchmachen - und was wirklich für sie wichtig ist."
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(SZ vom 19.07.2011/mcs)
Parteitag in Göttingen
"In der Krebsmedizin würden jedes Jahr neue Arzneimittel angepriesen, von denen nur ein Bruchteil der Kranken profitiere, sagt Wolf-Dieter Ludwig." Ist das nicht gerade das Konzept der personalisierten Medizin, dass jeweils nur ein Teil der Patienten etwas von den Medikamenten hat?
Und ist die Abkehr von den "blockbustern" nicht gerade deswegen geschehen, weil das Auftreten von Nebenwirkungen nicht mehr toleriert wird, selbst wenn sie nur im Bereich von Zehntel-Promille der Patienten auftreten? Hat der Autor nicht auch entscheidende Beiträge dazu geleistet?
Und hat er eigentlich verstanden, dass es "den Krebs" gar nicht gibt, sondern dass es sich um eine Vielzahl von Erkrankungen handelt, so dass man nicht mal Lungenkrebs mit Lungenkrebs vergleichen kann, sondern molekular typisieren muss?
Hoffen wir, dass der Autor niemals ernsthaft krank wird und auf die Segnungen der PR-Berater einer nichtsnutzigen, parasitären Industrie angewiesen ist!
Zum wiederholten Male verbeissen sich SZ-Journalisten in die vorgebliche Schädlichkeit der "molekularen" Medizin, seien es die noch fehlenden großflächigen Erfolge der Genomforschung für neue Medikamente, sei es die "personalisierte Medizin", die nun als neueste Ausgeburt des Pharma-Marketing gebrandmarkt wird.
Den Gegensatz "personalisiert" sei nicht gleich "persönlich" und daher zu verdammen hat der SZ-Journalist quasi exklusiv als seine Kernthese verinnerlicht. Das muss aber ja nicht allein deswegen schon richtig sein, denn niemand sonst sieht hier einen Gegensatz oder gar eine Unvereinbarkeit dieser Pole einer einer sehr viel tiefergehenden, molekularen "Individualdiagnostik" und individuell angepassten Therapie (so es denn die passenden Medikamente bereits gibt) und eines persönlichen, vertrauensvollen Arzt-Patienten-Verhältnisses - dieses ist ja sogar die wesentliche Grundvoraussetzung, dass eine Diagnose-Erkenntnis und die Therapie-Empfehlung vom Patienten tatsächlich angenommen werden wird.
Das eigentliche "Gefecht" liefert sich der Autor also mit der bösen Pharmaindustrie, damit kann man die eigene "Marke" als Don Quijote gegen Windmühlen kämpfend auch sehr viel besser schärfen. Nur ist das wichtig für die Leserschaft? Wohl kaum.
Nach dem letzten Kampfartikel des Autors gegen die "personalisierte Medizin" im März diesen Jahres erschien am nächsten oder übernächsten Tag auf der gleichen Zeitungsseite ein fast euphorischer Artikel über die beeindruckende (personalisierte) Wirksamkeit des Krebsmedikamentes Imatinib. Wie schön wäre es, wenn eine ausgewogene Berichterstattung einmal wieder innerhalb eines Artikels geschehen könnte...
Der Ansatz dieses Artikels eine bessere Patientenbetreuung gegen eine gezieltere Behandlung zu stellen ist wirklich ärgerlich und es wird hier der Eindruck vermittelt, dass die personalisierte Medizin genau im Gegensatz zu einer guten Patientenbetreung steht. Ich stimme zu, dass das Arzt-Patienten-Verhältnis stark verbessert werden muss, aber das ist Aufgabe des Gesundheitswessen und nicht der Wissenschaft.
Die personalisierte Medizin steckt heute noch in den Kinderschuhen, bietet jedoch gerade in der Krebstherapie große Chancen. Viele derzeit auf dem Markt erhältlichen Medikamente haben zum einen starke Nebenwirkungen, während gleichzeitig nur ein Teil der Patienten auf die Therapie anspricht. Durch eine molekulare Analyse des Tumors, so das Ziel der personalisierten Medizin, sollen in Zukunft nur die Patienten mit einer Therapie behandelt werden, die auch darauf ansprechen. Den anderen Patienten kann man eine wirksamere Therapie zuteil werden lassen. Zudem gibt es auch Patienten die auf Grund des molekularen Subtyps gar keiner Behandlung benötigen, denen man also die Nachteile einer Therapie ganz ersparen kann.
Es gibt viele Forscher, die intensiv daran forschen für verschieden Krebsarten und die derzeit verfügbaren Therapien molekulare Marker zu finden. Und die handeln zum Großteil nicht aus Profitgier
Um die bisherigen Kommentare zu ergänzen:
Der Begriff der personalisierten Medizin (Basierend auf der Feststellung, dass manche Wirkstoffe bei einelnen Menschen anders/nicht/besser wirken und der Annahme, dass dies an genetischen (und damit verstehbaren) Faktoren liegt) geistert schon sehr lange durch die Wissenschaft und ist erst vor kurzem in der allgemeinen Presse (und der PR) aufgetaucht.
sorry, der Artikel ist ein Rundumschlag mit der Keule- personalisierte Medizin ist etwas durchaus sinnvolles- es wird versucht, die Medikamente so zu steuern/verändern, dass sie auf die jeweilige Situation des Patienten optimal ansprechen-sie berücksichtigen dabei die individuelle genetische Situation,das spezielle Immunsystem des Erkrankten- und das ist ja wohl nichts schlechtes, weil sich viele Nebenwirkungen dadurch mindern oder vermeiden lassen.
Auch wenns am Anfang der Entwicklung steht- Medizin der Zukunft.
Der Artikel scheint mir entweder schlecht recherchiert oder mit
Tendenzen verfasst worden zu sein- ich vermisse da schon eine Objektivität und informative Sachlichkeit.
Paging