Paläoanthropologie Das evolutionäre Geheimnis der Augenbrauen

Mehr als bloßer Zweifel, Braue sei Dank.

(Foto: imago/Photocase)
  • Die Evolution von Augenwulst und -braue spiegelt die veränderte Kommunikation zwischen den Vorfahren des Menschen.
  • Aus Sicht der Anthropologen erfüllt die menschliche Brauenpartie allein soziale Zwecke.
  • Andere Hypothesen konnten die Forscher mithilfe einer Computersimulation verwerfen.
Von Kathrin Zinkant

Als eine britische Schokoladenfirma vor einigen Jahren ein Augenbrauen-Ranking veröffentlichte, belegte Sean Connery unangefochten den ersten Platz. Niemand beherrsche das Spiel mit den behaarten Streifen im Gesicht derart perfekt wie der schottische Schauspieler.

Doch auch aus evolutionsbiologischer Sicht sind Connerys Brauen wohl Spitze. Das lässt sich aus einer paläoanthropologischen Studie schließen, die jetzt in Nature Ecology & Evolution erschienen ist. Wie ein Team um Ricard Godinho von der britischen University of York berichtet, spiegelt die Evolution von Augenwulst- und Braue die veränderte Kommunikation zwischen den Vorfahren des Menschen.

Beide Hypothesen wurden nun mit einer Computersimulation auf die Probe gestellt

Vermittelten frühe Hominine mit ihren gewaltigen Knochenwülsten über den Augen angsteinflößende Blicke und großes Durchsetzungsvermögen, kommuniziert der moderne Mensch mit seiner eher flachen Stirn und den nun hochbeweglichen Haarstreifen eher Stimmungen und Details. Was ja völlig plausibel erscheint, denn wie Sean Connery nutzen die meisten Menschen ihre Brauen ausgiebig für ihre Mimik.

Allerdings waren sich Wissenschaftler bisher unsicher, ob nicht doch andere Triebkräfte entscheidend für die Evolution der Braue gewesen sind. Das liegt daran, dass auch andere Säugetiere Brauen besitzen, obwohl Wulst und Braue - anders als alle anderen Merkmale im Gesicht - keine augenfällige körperliche Funktion haben. Zwar heißt es in der Wikipedia, die erhabenen Riegel über den Augen hätten die Aufgabe, den empfindlichen Sehsinn vor Sturzbächen aus Schweiß und herabrieselnden Objekten zu schützen.

Wissenschaftlich diskutiert wurden aber zwei andere Hypothesen. Zum einen die räumliche, der zufolge die Knochenwülste unter den behaarten Streifen im menschlichen Gesicht das Problem der unterschiedlich schnell wachsender Knochen von Schädelkasten und Gesicht lösen sollen. Zum anderen besagt die biomechanische Theorie, dass die dicken Erhebungen über den Augenhöhlen bei den Vorfahren des Menschen entstanden sind, um den Schädel vor den erheblichen Kaukräften malmender Kiefer zu schützen. Durchs Kochen erweichte, zerkleinerte Nahrung machte diese Stabilisierung demnach später überflüssig.

Ricardo Godinho und seine Kollegen haben beide Hypothesen nun mit einer Computersimulation auf die Probe gestellt. Dazu scannten die Archäologen den etwa 300 000 Jahre alten Schädel eines Homo rhodesiensis und manipulierten die Knochenkonstellation mithilfe eines spezialisierten Programms, um das Zusammenspiel der Kräfte im Schädel zu berechnen.

Mit dem Ergebnis, dass kein Hominine je so dicke Knochenwülste im Gesicht benötigt hätte, um die Ansprüche der räumlichen oder biomechanischen Hypothese zu erfüllen. Aus Forschungen an Mandrills ist nach Aussage der Wissenschaftler zudem bekannt, dass sich knöcherne Strukturen im Gesicht aus rein sozialen Gründen bilden können. Die Männchen der Altweltaffen besitzen rechts und links des Nasenbeins Knochenwülste, die zusammen mit dem Farbenspiel der Haut der Kommunikation dienen.

Aus Sicht der Anthropologen erfüllt die menschliche Brauenpartie ebenfalls allein soziale Zwecke. Dabei schränkten die extremen Knochenwülste unserer Vorfahren die Beweglichkeit der Brauen zunächst stark ein und begrenzten ihre Ausdruckskraft auf einige, mutmaßlich grimmige Gesichtszüge. Der zunehmend komplexere Informationsaustausch zwischen moderneren Menschen begünstigte dann später die Entwicklung grazilerer Brauenpartien, die sehr viele verschiedene Emotionen kommunizieren. Ein Blick sagt manchmal eben mehr als Worte.

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