Ornithologie Endstation Müllkippe

Störche fliegen gerne Müllkippen an, wenn sie Nahrung suchen. Das verändert im Herbst ihr Verhalten, wie Forscher nun zeigen konnten.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Der Mensch verändert das Verhalten der Weißstörche. Einst zog es die Tiere im Herbst nach Südafrika - so weit fliegen viele nicht mehr.

Von Thomas Krumenacker

Da machen sich Millionen Vögel in jedem Herbst auf die Reise, überwinden scheinbar mühelos gewaltige Barrieren wie Ozeane, Berge und Wüsten und verbringen die kalte Jahreszeit im wärmeren Süden. Kein Wunder, dass der Vogelzug zu einem Sinnbild für Freiheit und Grenzenlosigkeit geworden ist. "Selbst der Storch am Himmel kennt seine Zeiten / Turteltaube, Schwalbe und Drossel halten die Frist ihrer Rückkehr ein", heißt es schon im Alten Testament. Lange trifft dieser Vers womöglich nicht mehr zu. Im Zeitalter von Klimawandel und Industrialisierung ändert sich das Verhalten der Zugvögel radikal.

Eine im Fachjournal Science erschienene Studie wartet mit neuen Erkenntnissen zum Zugverhalten von Weißstörchen auf, einem traditionellen Langstrecken-Flieger, der von Europa und Westasien bis nach Südafrika reiste. Das dachte man jedenfalls bisher. Das internationale Wissenschaftlerteam um Andrea Flack vom Radolfzeller Max-Planck-Institut für Ornithologie markierte 70 Jungstörche in acht verschiedenen Herkunftsregionen noch im Nest mit kleinen Satellitensendern, um nach dem Ausfliegen die erste lange Reise der Tiere ins Winterquartier zu verfolgen. Eine Reise, die manche Vogelpopulationen gar nicht mehr unternehmen, wie die Forscher zeigen konnten.

Die nur knapp 60 Gramm schweren Sender übermittelten mehr als fünf Monate lang nicht nur beständig über GPS ihren genauen Standort, sondern lieferten über Beschleunigungssensoren auch Hinweise auf den Energieverbrauch der Tiere - eine Schlüsselinformation: "Zeitaufwand und Energieverbrauch sind Kernwährungen im Leben eines Zugvogels", schreiben die Autoren. Denn nur ein effektiver Einsatz der eigenen Kräfte sichert das Überleben und damit die Reproduktionsfähigkeit in der folgenden Brutsaison.

"Energieverschwendung" durch unkluge Wahl des Zugweges oder des Überwinterungsgebietes kann den Tod für den Vogel bedeuten. Deshalb ist es für Vogelpopulationen von großer Bedeutung, die richtige Zugstrategie zu finden: Sollen wir überhaupt ziehen, wann sollen wir ziehen, wohin und auf welchen Zugweg? Diese Entscheidung trifft nicht der einzelne Vogel, sondern sie ist über Selektion genetisch festgelegt. Der erfolgreiche Vogel überlebt und gibt seine Gene durch Reproduktion weiter. So passen sich Vögel über einige Generationen den veränderten Lebensbedingungen an.

Wie unterschiedlich sich das Zugverhalten bei Weißstörchen je nach Herkunftsregion bereits ausdifferenziert hat, zeigt das Forscherteam um Flack. Ihren Ergebnissen zufolge verzichtet die usbekische Population bereits ganz auf den Flug nach Afghanistan und Pakistan und bleibt im Winter zu Hause. Die Wissenschaftler vermuten, dass ein menschengemachtes zusätzliches Nahrungsangebot, nämlich Fisch aus den zahlreichen Zuchtbetrieben, zur Aufgabe des Zuges geführt haben könnte. Mit GPS-Sender versehene Vögel aus anderen Herkunftsregionen gehen zwar noch auf die Reise, aber auch sie haben ihr Verhalten teilweise grundlegend geändert. Störche aus Armenien flogen im Durchschnitt nur knapp 1000 Kilometer an den Persischen Golf. Am traditionellsten erwiesen sich in der Studie noch die Vögel aus Russland, Polen und Griechenland. Sie flogen über Israel und die Sinai-Halbinsel nach Ägypten und von dort aus über die Sahara bis in das südliche Afrika.

Einige deutsche und tunesische Störche zogen entlang einer Westroute bis nach Südafrika und legten dabei ähnlich wie ihre polnischen und russischen Artgenossen die bislang als traditionell angesehene Distanz von durchschnittlich mehr als 16 000 Kilometer zurück. Eine weitere Zugstrategie schlugen andere, in Südwestdeutschland mit Sender versehene Störche ein. Sie überquerten Frankreich, Spanien und an der Straße von Gibraltar das Mittelmeer nach Afrika, verzichteten dann aber auf den Weiterzug in die Sahelzone. Stattdessen blieben sie in Nordafrika, ebenso wie einige in Tunesien mit Sendern markierte Artgenossen. Die Zugstrecke der deutschen Störche betrug nur noch etwas weniger als 5000 Kilometer.

Diese Gruppe hatte den Berechnungen der Wissenschaftler zufolge auf den gesamten fünfmonatigen Untersuchungszeitraum bezogen den geringsten Energieaufwand zu betreiben - und hatte damit offenbar eine sehr effektive Zugstrategie entwickelt. Doch was bewog die Störche, bereits in Marokko den Zug zu beenden? Und welchen reich gedeckten Tisch fanden sie dort vor, um sich so überaus "energieeffektiv" ernähren zu können? Es sind die Müllkippen der großen Städte, auf denen es sich offenbar gut und bequem Beute machen lässt. Die Forscher berechneten, dass die in Nordmarokko überwinternden Störche im Schnitt täglich nur 20 Kilometer fliegen mussten, um satt zu werden. Ihre weiter südlich in natürlicherer Umgebung überwinternden Artgenossen mussten neben der viel längeren Anflugstrecke noch 43 Kilometer am Tag zurücklegen.

"Das Fressen von Menschen bereitgestellter Nahrung, wie auf Müllkippen, scheint für die Vögel profitabel zu sein, weil sie ihre Zugstrecke verringern und ihren täglichen Energieaufwand (zur Nahrungssuche) verringern können", folgern die Forscher. Derart angepasste Vögel hätten wahrscheinlich eine höhere Überlebenschance. Dies wiederum werde möglicherweise bereits in relativ kurzer Zeit zu winzigen evolutionären Veränderungen der Zugmuster führen, schlussfolgern die Wissenschaftler.

In anderen Worten: Die Müllstörche geben ihr Erfolgsrezept eines verkürzten Zuges in das marokkanische Storchenparadies durch erfolgreiche Reproduktion an die folgenden Generationen weiter, und die Zahl der nur noch auf mittlere Distanzen ziehenden Störche könnte so wachsen. Übrigens zeigten sich in der Studie Störche aus Südwest-Deutschland am empfänglichsten für die Verlockungen nordmarokkanischer Müllkippen. Vier von sechs Störchen aus Deutschland, die ihre ersten fünf Monate überlebten, zogen die Abfallberge einem Weiterzug in die Sahelzone vor.